Der Gesang des Schreies
Ihr Mund ist es, der einen verfolgt. Wenn Almut Zilcher den Mund öffnet, meint man, die Bühne verwandle ihr Format – von der Totale zur Großaufnahme. Ist er stumm, dieser Mund, oder seufzt er, giert er, lacht, weint oder schreit er? Der Schrei, so Jean-Jacques Rousseau, gebäre sich aus dem Willen zum Überleben des Menschen. Mit ihm verwildert die Stimme, echot zurück zu den Wurzeln, spuckt das gesammelte Gekreisch aus. Und der ganze Mensch wird Biologie. Der Mund wird zur Wunde – und zum Geschlecht wie in einer surrealistischen Montage von Dali, Buñuel oder Hans Bellmer.
Er öffnet einen Spalt zur Welt und reißt ein Loch ins Netzwerk sozialer Übereinkunft. Der Mund «als Fleisch, das zu reden beginnt», so beschreibt den Vorgang ihr Mann Dimiter Gotscheff und hat – wie immer – ein Heiner-Müller-Zitat parat: «Der Mund entsteht mit dem Schrei.» Almut Zilcher ist eine Mund-Schauspielerin, wie Jeanne Moreau oder Anouk Aimée. In Fellinis «Stadt der Frauen» hätte sie eine Rolle spielen, sein «Achteinhalb» um das Traumgesicht einer Femme fatale bereichern können.
Die Bühne steht ihr gut
Dabei sieht und fühlt Almut Zilcher sich selbst ganz anders, beschreibt sich als «schüchternen Typ». ...
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