Das Make-up der Revolution
In Nürnberg gibt es einen Mann, der ununterbrochen nackt im Kreis läuft; ungefähr eine Stunde lang. Kein Feierabend-Jogger oder Wellness-Athlet, dagegen sprechen schon die wenig fußfreundlichen Militärstiefel, sein einziges Kleidungsstück. Er sieht auch nicht aus, als ob er sich um seine Gesundheit sorgt, und vom Laufen hat er keine Ahnung. Das Tempo entweder zu schnell oder zu langsam, schon nach zehn Minuten kämpft er mit dem Atem, bald tropft ihm der Schweiß vom ganzen Körper, der Kopf glüht immer röter, das Gesicht vom Luftholen verzerrt.
Was ihn jagt, ist der Zeitdruck seiner Multijob-Existenz: rechtzeitig zum Appell erscheinen, Erbsen-Diät für den Doktor, den Hauptmann rasieren, zwischen– durch bei der Freundin und seinem Kind vorbeischauen. Über Lautsprecher jagen diesen Woyzeck das Gelächter und die spöttischen Sprüche seiner wohlwollenden Peiniger, die schließlich selbst auf die Bühne klettern, um ihn mit ihrer guten Laune zu terrorisieren. Irgendwann dreht er seiner blassen Freundin Marie, die mit einer spendablen Zufallsbekanntschaft ein bisschen tristen Spaß hat, einfach den Hals um.
Regisseur Christoph Mehler hat sich über Büchners Woyzeck nicht viele Gedanken ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute März 2012
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Franz Wille
Orange leuchtet die Glühbirnen-Schrift auf der grauen Lamellenleinwand, die den dunklen Raum der kleinen Studiobühne teilt: «NEDEN» – Warum? Aus dem nur halb einsehbaren Bühnenhintergrund sprechen drei Männer chorisch den Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuchs, der die öffentliche Beleidigung des «Türkentums» (seit 2008 der «türkischen Nation») unter...
Gelächter gleich in der ersten Minute. Eine Horde drolliger Insassen von irgendwas lümmelt auf Kinderstühlen, getriezt von einer ruppig-patenten Kommandeuse in Schuluniform und Pumuckl-Perücke – nicht gerade das, worauf man bei Sarah Kane gefasst ist. Und doch hat dieser mutwillig-regressive Schabernack, den Johan Simons da auf fast leerer Bühne der Münchner...
Fürs jährliche «Best of» des deutschsprachigen Theaters im Mai sollte man vor allem viel Zeit mitbringen: Circa 12 Stunden dauert Ibsens «John Gabriel Borkman» von Vegard Vinge und Ida Müller im Prater der Berliner Volksbühne, gute acht Stunden Goethes «Faust I und II», inszeniert von Nicolas Stemann (Salzburger Festspiele/Thalia Theater Hamburg), stolze fünf...
