Auf Krieg folgt Krieg

Lars Norén «Krieg»

Theater heute - Logo

Ein Krieg ist zu Ende. Dass er damit für die Menschen, die ihn erlebt ha­ben, für all die Heimkehrenden, Befreiten, Zurückgebliebenen noch lange nicht beendet ist, wird meist verdrängt. Anders in Lars Noréns jüngs­tem Stück, in dem er zeigt, dass Krieg und die Folgen eines Krieges strukturell gleich zerstörerisch sind.

Ein Familienvater kehrt aus dem Lager zurück. Nicht nur körperlich –  man hat ihm in der Gefangenschaft die Augen ausgebrannt –, sondern auch emotional ist er zum Krüppel geworden.

Nichts wünscht er mehr, als nach Hause zu kommen und seine Familie wiederzusehen. Doch auch hier findet er vom Überlebenskampf ausgebrann­te Menschen vor, verhärtet und zutiefst verletzt. Außer seiner jüngsten Tochter Semira hat niemand mehr seine Heimkehr erhofft, im Gegenteil, in den Trümmern seines ehemaligen Hauses wird er zum Eindringling. Seine Frau hat inzwischen eine Beziehung mit seinem Bruder Ivan, die ältere Tochter Beenina pros­tituiert sich für ein wenig Essen und hofft, von ir­gend­einem Freier in ein anderes Leben mit­genommen zu werden. Selbst der Hund ist dem Hunger zum Opfer gefallen – man hat ihn in der Not gegessen. 

Das alles soll der Blinde natürlich nicht erfahren, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2005
Rubrik: Chronik, Seite 32
von Natalie Bloch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Aug in Aug mit dem Tod

Émile Durkheim erklärte 1897 den Selbstmord als soziales Phänomen. Rund hundert Jahre später hat Jon Fosse ein Stück über den Selbstmord einer jungen Frau geschrieben, in dem er bewusst weder individuelle Geschichten noch gesellschaftliche Zusammenhänge thematisiert. Dennoch werden Einsamkeit und Sprachverarmung seiner Figuren zu einem Thermometer für die...

Doras hermetische Welt

Natürlich ist ein behindertes Mädchen, das als Tor zur Welt gerade das «Ficken» entdeckt hat, eine Überforderung für ihre Umgebung. Vor allem, wenn sie sich weigert, die Pille zu nehmen. Das ist in Gießen auch nicht anders als in Basel, Stuttgart oder Hamburg. Solange Dora Psychopharmaka bekommt, thront sie stumpf auf einem Stapel Metallkoffer, stiert ins Leere und...

Sterben in Zürich

Dora hatte auch so eine Mama. Dora, die unberechenbare, zurückgebliebene Hauptfigur in Lukas Bärfuss’ vorletztem Stück «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern». Doras Mama war überbesorgt, dominierend und sehr zufrieden mit sich und der Art, wie sie damit umging, eine behinderte Tochter zu haben. Alices Mutter in dem neuen Stück «Alices Reise in die Schweiz» ist...