Die wilde Form von Deutschland

Jachym Topol im Gespräch über sein erstes Theaterstück, die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit, politische Machtwechsel und die EU

Theater heute - Logo

Natalie Bloch In Ihrem Stück «Die Reise nach Bugulma» machen sich die tschechischen Protagonisten aus dem von Terroristen zerbombten Europa auf den Weg zurück in den Osten, folgen der vermeintlichen Stimme der Revolution und landen in einem ehemaligen kommunistischen Lager. Dort ist Tauwetter, und Berge von Leichen tauchen aus dem Eis auf. Das sind ja optimistische Perspektiven.

Jachym Topol Vielleicht begegnen sich da zwei Impulse: erstens meine Angst vor der Vergangenheit, die durch die KZs, Gulags und Lager verkörpert wird, zweitens die Angst vor der Zukunft.

Ich habe das Stück geschrieben, kurz nachdem in Holland der Filmemacher van Gogh getötet worden ist. Zu dieser Zeit war ich gerade in den Niederlanden und habe gedacht, hier passiert ja überhaupt nichts, ich möchte nach Hause in meinen wilden Osten, und «peng», in dem Moment fingen die Kirchen an zu brennen und die Leute sind aufeinander losgegangen. Während der Demonstrationen haben die Moslems geschrieen «Wir jagen Euch in die Luft». Das waren Moslems, die in den Niederlanden aufgewachsen waren und die Sprache perfekt konnten. Für mich war es ein totaler Schock. Ich dachte nach meinen Reportagen aus den Krisengebieten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2006
Rubrik: Autoren zu entdecken, Seite 52
von Natalie Bloch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Alles Komödie

Der achtzigjährige Besson war immer noch jung: der wilde Lockenkopf grauweiß, unter den emporgesträubten, dicken Augenbrauen funkelten die Augen, die Nase kräftig, die dicke Unterlippe hängend. Nur die Falten von den Nasenflügeln abwärts noch tiefer eingekerbt als früher. Ein clownischer Charakterkopf. Die über viele Register gebietende Stimme immer noch mit...

hop fertig

Die Texte des späten Beckett gelten als spröde und dem Theater schwer zugänglich. Die Prosa ist auf minimale, nicht mehr erzählend verbundene Sinneinheiten reduziert, während die Stücke Drama nur noch als Schwundstufe und selten den absurden Witz erkennen lassen, der «Godot» und «Endspiel» weltweit auf die Bühnen gebracht hat. Rein praktisch kommt dazu, dass man...

Die Wüste von Straubing

Fanny hat wieder einmal eine aktuelle Lösung für ihr altes Problem gefunden: Jusuf Mummadir, ein Ägypter und Muslim mit dickem Auto und fließendem Franz-Beckenbauer-Deutsch, könnte die von vielen Männern und ebenso vielen Enttäuschungen sichtlich gezeichnete Straubinger Wirtstochter endlich in die ersehnte Ehe führen. Vorher muss nur der interkulturelle Dialog...