Apokalypse: Der Versaliendichter
20 Jahre nach seinem Tod ist es um den Dramatiker Heiner Müller nicht allzu gut bestellt. Seine Stücke stehen nur noch selten auf dem Spielplan, einige der wichtigsten – «Germania Tod in Berlin» oder die sogenannten Produktionsstücke – tauchen quasi überhaupt nicht auf, und mit Dimiter Gotscheff ist vor zweieinhalb Jahren zudem der letzte Großinterpret Müllers verstorben. Mag die Welt auch zugrunde gehen: Die Theater spielen Ibsen und Tschechow! Müller dagegen, den grimmigen Sänger des Untergangs, lassen sie lieber außen vor.
Ganz weg ist er allerdings nie gewesen, denn als Zitatelieferant taugt er immer. Kaum eine Castorf-Inszenierung kommt ohne Müller-Zitat aus – bevorzugt aus dem «Auftrag» –, und auch durch die Programmhefte der Dramaturgien, die etwas auf sich halten, geistern regelmäßig ein paar Müller-Sprüche.
Anfang März haben sich nun allerdings das Berliner HAU und die Internationale Heiner Müller Gesellschaft der Rückführung Heiner Müllers in den szenischen Diskurs angenommen, und das mit Aplomb: «HEINER MÜLLER!» nannte sich das Festival, mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen. Holla, der Versaliendichter ist wieder da! Aber auch die Versalien können nicht darüber ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2016
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Wolfgang Behrens
Pläne der Redaktion
Wo steht der zeitgenössische Tanz? Die Tanzplattform sucht nach einer Standortbeschreibung und hat sich dafür 2016 den Standort Frankfurt ausgesucht.
Im Mai laden wieder die beiden Bestentreffen nach Berlin und Mülheim: die bemerkenswertesten Inszenierung hier, die wichtigsten Stücke dort. Mit dabei hier wie dort: Yael Ronens «The Situation»!
Ko...
«Authentizität?» Sibylle Berg fängt sofort an, verbal zu holpern und zu stolpern. Schwieriges Wort. Schwierige Anforderung. Die sogenannte Echtheit «ist ja Quatsch. Musst dich ja ankleiden, verhalten, rüsten». Authentisch nein, ehrlich ja. Z.B., wenn sie den beiden von ihr als «Doku-Schlampen» titulierten Filmerinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler (die als «Böller...
China besitzt eine von der hiesigen sehr unterschiedene und auf den westlich und besonders vom deutschen Theater geprägten Intellektuellen zunächst eher fremd wirkende Theaterkultur. So hat das Sprechtheater, bei uns mindestens institutionell noch immer das Herzstück des Theaterlebens, hier eigentlich keine Tradition. Das große Erbe der chinesischen...
