Bochum

Aufbruch in den Muff: nach Goldoni «Zoff in Chioggia», Fallada «Kleiner Mann, was nun?»

Theater heute - Logo

Oh, wie schön war es in Chioggia, als es Nuran David Calis noch nicht zu einem Schnellrestaurant gemacht hatte. Was im 16. Jahrhundert noch ein redlicher Fisch war, ist heute allenfalls ein Hamburger, so traurig ist die Gegenwart. Toilette und Küche der Kneipe, wo mal choreografiert geprügelt, mal heimlich geraucht wird, werden per Live-Kamera ebenfalls nach vorne projiziert – genauso wie die Facebook-Aufrufe zur Rettung des «Chioggias». Nur die Hip-Hop-Einlage als Schatten vor der auf Leinwand projizierten Bochumer Skyline ganz zu Beginn behauptet noch ein wenig Großstadtpoesie.

Goethe-Aphorismen hören sich in diesem Kon­text an wie Schlagertexte oder Selbsthilfe­bücher: «Der Sinn des Lebens ist das Leben», sagt Lucietta, als sie schließlich erkennt, dass Liebe «doch nicht nur ein Wort ist». Constanze Wächter spielt sie als visionäre Vorstadtprolette mit Arschgeweih, muster-gebleichter Schlaghose und bauchfreiem Hängerchen – nicht gerade eine glaubwürdige Globetrotterin. Schauspielerisches Zentrum ist Krunoslav Šebrek, der ihren Freund Titta Nane mit aufrechtem Charisma ausstattet.

Die anderen sind erschreckend unbedarft und erinnern mehr an eine naive Jugendinszenie­rung zum Thema ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 46
von Dorothea Marcus

Weitere Beiträge
Ein Schnaps danach

Das Thalia Theater hatte mich gebeten, für Helmut Schmidt ein Stück zu spielen. Ganz privat, in seinem Haus in Langenhorn. «Welches Stück? In was für einem Raum?», fragte ich. «Eines von deinen Solo-Programmen. In seinem Wohnzimmer. Dreißig Minuten Zeit für die Einrichtung.» Gut, dachte ich, dann machen wir «Amerika» von Kafka.

Das Vorhaben schien unwirklich, doch...

Die Kompromisslose

Zuerst schiebt sich eine Hand – sie ist runzelig – ins Bild, die in einem Regal nach einer Tüte Milch greift. Eine alte Frau unter einem Kopftuch schlurft an die Ladenkasse und zahlt 49 Pence für das Lebensmittel. Margaret Thatcher kannte immer den Preis – den für Milch, den für die Prosperität Englands, den für die eige­ne Karriere und den für den Ruhm. Denis, ihr...

Mitten im Frühling

Als Jean-Pierre Cornu ein Knabe war, da hatte er vor sich den See und hinter sich den Weinberg. Da lebte er in Twann am Bielersee, in einem jener lauschigen Schweizer Winzerdörfer, wo es sehr guten Wein und sehr gute Würste gibt. Und wie es so ist in Twann, wird dort Schweizerdeutsch und Französisch gesprochen, und jede Jahreszeit ist lieblicher und das Leben ein...