Wir Egomonster
Die U-Bahn ist der neue Underground. Jedenfalls in den jüngsten Bühnenbildern des serbischen Szenografen Aleksandar Denic, der Frank Castorf schon für sein Jahrhunderte überspannendes «Faust»-Paris den Eingang der Metrostation «Stalingrad» nachgebaut hat. Diesmal geht es auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses unterhalb eines riesigen «Camel»-Billboards in die New Yorker Subway. Unten fährt jedoch kein Zug ab; hier wird den Besitzenden ordentlich eingeheizt.
In einer der merkwürdigsten Szenen dieser gleich drei Dramen von Eugene O’Neill umfassenden Inszenierung schippt Lilith Stangenbergs Mildred, die schneeweiße «rrrich bitch» vom Oberdeck, zwecks authentischer Einfühlung ins Proletariat in einem Dampfschiff-Kesselraum Kohle – und zwar splitternackt. Obwohl sie schon vorher nur einen glitzernden Tanga-Bikini trug, ist ihr anscheinend so warm geworden, dass sie sich lieber ganz auszieht.
Wir befinden uns kurz vor der Pause des fünfstündigen Abends nicht etwa in einem Experimental-Porno der 1970er Jahre, sondern im zweiten Drama aus der expressionistischen Phase des amerikanischen Tragödiendichters. «Der haarige Affe» (1922) spielt zu einem beträchtlichen Teil im Bauch eines ...
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Theater heute April 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 12
von Eva Behrendt
In der Mitte des Films sagt einer der beiden immer wieder auftauchenden, stets zufrieden feixenden Herren im Anzug zum anderen: «Sie glauben, Sie können Vergangenheit so darstellen, wie sie wirklich war?» Der Angesprochene, gespielt vom ehemaligen Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons, trägt anlässlich eines Maskenballs kurz nach dem Zweiten Weltkrieg...
Der Start von Wilfried Minks’ Theaterlaufbahn lag im sprichwörtlichen Kleinstrollendorado, in Wurzen (Sachsen). Dort wurde der 1930 im 200-Seelen-Dorf Binai in Tschechien geborene und nach dem Krieg mit seiner Familie vertriebene Bauernsohn mit 17 Jahren «Stift», also Lehrling des Theatermalers am örtlichen Boulevardtheater: ein Saal mit 350 Plätzen und Premieren...
Es ist eine sympathische Geste der Residenztheaterleitung, für diejenigen, die sich von den zeitgeist-geschliffenen well-made Plays im Spielplan nicht so recht angesprochen fühlen, eine gegenläufige Programmseitenlinie zu verfolgen, die mit offenem Blick von außen und ganz unterschiedlichen, häufig osteuropäischen Regiehandschriften eigene Akzente setzt und dabei...
