Theater des denkenden Mitgefühls
Zuletzt arbeitete er (ein skrupulöser, ungemein selbstkritischer Autor) an einem Essay, einem Buch über Shakespeares Shylock, wollte, sagte er, den Blick aber auch auf die Titelfigur, Antonio, den Kaufmann von Venedig, lenken: den liebenden Homosexuellen. Denn Ivan Nagel war beides, ein ungläubiger Jude und homosexuell.
Geboren am 28. Juni 1931 in Budapest, aufgewachsen im Schutz einer der Kunst zugewandten Familie, der Vater Leiter einer Fabrik.
Dass er außerhalb dieser Familie ungeschützt war, erlebte er vom siebten Lebensjahr an, als es ihn einige Mitschüler, das Judenkind prügelnd, erfahren ließen.
Im letzten Kriegsjahr, dreizehn, vierzehn Jahre alt, hieß er Ferenc Kiss, unter diesem Namen versteckt in einem Kinderheim, während die meisten Juden von den deutschen Besatzern und ihren willigen ungarischen Helfern verhaftet und in den KZ-Tod getrieben wurden.
Als ihm 2000 der Moses-Mendelssohn-Preis für Toleranz verliehen wurde, hat Ivan Nagel seinen Rettern von damals gedankt: «Dem todesmutigen Kindermädchen Ida Dominek, die während acht Monaten die Familie mit falschen Ausweisen und guten Lebensmitteln versorgte, dem bedeutenden Arzt Géza Petényl, der mich im Kinderheim seines ...
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Theater heute Mai 2012
Rubrik: Nachruf, Seite 48
von Henning Rischbieter
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