Gegenkritik
Liebe Leserin, lieber Leser, die freundliche Anfrage, eine Gegenkritik zu den Besprechungen über «Die Stadt und Der Schnitt» zu verfassen, hat mich gefreut. Ein solcher Text kann allerdings nur von jemandem geschrieben werden, der die Kritiken auch gelesen hat. Tatsächlich habe ich dies nicht – direkt nach Premieren lese ich nie Kritiken, sondern warte damit ein paar Monate. Denn die Arbeit geht ja trotzdem weiter. Und sie fällt mir leichter, wenn ich die Häme der Verrisse und das Lob der Hymnen nicht wortwörtlich zur Kenntnis nehme. Gerade erstere können nämlich wirklich wehtun.
Wir sind also übereingekommen, dass unser Pressereferent, der die Kritiken von Berufs wegen gelesen hat, mich mit einigen Kernthesen konfrontiert und ich in Form eines Interviews darauf antworte. Thomas Ostermeier
Aus den Verrissen wie auch aus manchen der guten Kritiken sticht der Vorwurf heraus, das Theater des «kapitalismuskritischen Realismus» sei inhaltlich und ästhetisch überholt.
Es hat mich sehr erstaunt, dass diese beiden Texte überhaupt als kapitalismuskritisch wahrgenommen werden. «Die Stadt» beschreibt die Liebesgeschichte eines Paars, das in dem Moment in die Krise gerät, als der Mann seinen ...
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Wie darf man das verstehen? Soll man um der höheren Sache, sagen wir einer Revolution willen, Menschen umbringen? Bevor man sich kurz ans Hirn greift, wie man die Frage überhaupt stellen kann: Brecht hat sie in seiner «Maßnahme» mindestens diskutiert, wenn nicht bejaht; Heiner Müller hat sie in «Mauser» mindestens variiert, wenn nicht akzeptiert – und das...
Ich wiederhole mich nur ungern, aber mir fehlt in der Auswahl des Theatertreffens auch in diesem Jahr eine Peter-Handke-Inszenierung von Friederike Heller. 2007 war die Wiederentdeckung der alten Kapitalismuskomödie «Die Unvernünftigen sterben aus» übergangen worden, jetzt hat man eine Inszenierung von Handkes jüngstem Drama «Spuren der Verirrten» ignoriert, die...
«In hundert Jahren, wenn wir alle tot sind, werden Leute diese Bänder finden und sie werden sagen: ‹Mein Gott, sie waren so lebendig!›» Es klingt wie eine Tschechow-Replik, was Simon Will uns da, aus der Mitte einer Küchenparty heraus, über den Videoscreen vermeldet: Lasst nicht den «Onkel Wanja» in euch auf das Glück zukünftiger Generationen hoffen. Spürt, wie ihr...
