Lehrstück ohne Lehre
Kassandra ist eine Metapher. Das Stück handelt nicht vom Trojanischen Krieg, sondern vom Schicksal afrikanischer Boat People, die unter Lebensgefahr die Flucht nach Europa wagen. Der Name im Titel meint keine bestimmte Figur, sondern ein Phänomen: Es gibt Situationen, in denen Aufklärung zwecklos ist, wenn nicht sogar kontraproduktiv. Kassandra hat bei Kevin Rittberger viele Gesichter. Zum Beispiel das einer Dokumentarfilmerin, die für die EU Filme über gescheiterte Fluchtversuche produziert, um damit potenzielle Immigranten abzuschrecken.
Kassandra ist aber auch eine Dolmetscherin, die Missstände in einem griechischen Asylheim aufzeigt und damit alles nur noch schlimmer macht: Das Heim wird geschlossen, die Flüchtlinge werden nach Libyen abgeschoben.
Stück und Aufführung zerfallen in zwei Hälften. Zuerst wird in Brecht-Form («Das Lehrstück von Blessings Tod») die Geschichte einer Afrikanerin erzählt, die es nach jahrelanger Odyssee endlich ins Boot nach Spanien schafft – und bei der Überfahrt ebenso umkommt wie ihre Kinder. Im zweiten Teil treten europäische Gutmenschen auf den Plan, deren Engagement zum Teil fatale Konsequenzen hat.
Die Uraufführung im Schauspielhaus beginnt mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Manchmal ist freies Theater in Wien ein ausgesprochen kulinarisches Vergnügen. Spielort für die jüngste Produktion der Gruppe Toxic Dreams ist das schicke Restaurant «Schon Schön» im 7. Bezirk. 20 Besucher sitzen an einer großen Tafel und kommen gegen eine freiwillige Spende (es gilt das Prinzip «Pay as you wish») in den Genuss eines siebengängigen Menüs. Zwischen...
Der Süden. Eine Insel irgendwo zwischen Griechenland und Ägypten. Die letzte Folge eines tragischen Stoffs. Euripides und Peter Handke als Autoren. Birgit Minichmayr und Ernst Stötzner als kriegs- und krisengeschütteltes Ehepaar Helena und Menelaos. Und Regie Luc Bondy – in Wien weiß man halt, wie man sein Publikum in den Sommer schickt. Auch andernorts werden...
«Man wird das Gefühl nicht los, man müsse noch mal zurück ins Jahr 2000 – haben wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen?», fragt Alexander Karschnia im Webmagazin Berliner Gazette. 2006 startete «Little Red», titelgebende Protagonistin der Performance von andcompany&Co., ihre erste Bühnen-Zeitreise aus der Zukunft des 3. Jahrtausends direkt in die Nachwendezeit....
