Dezenz ist Schwäche
Den Zustand der Erregung, den Schauspieler beim Zuschauer, bei ihren Bewunderern und Verehrerinnen auszulösen vermögen, kenne ich vor allem aus meiner Berliner Studienzeit. Frustriert vom damals an der FU eigentlich nicht möglichen theaterwissenschaftlichen Studium, war ich Stammgast an Barlogs Bühnen, dem Schlosspark- und Schillertheater, pilgerte ich – soweit es die schmale Studentenkasse zuließ – ins Berliner Ensemble oder ans Deutsche Theater, die damals nur mit zusätzlichen Passierscheinkosten zu erreichen waren.
Ja, das war meine beste und begeisterndste Theaterzeit, weil es beste Schauspielerzeit war, deren stimmliche Vielfalt ich noch heute im Ohr habe: Martin Helds sarkastische Orgeltöne in Becketts Inszenierung von «Das letzte Band», Lieselotte Raus schwingend klare, betörend warme, ganz individuelle Sprechart, die Giraudouxs dramatische Poesie etwa in «Intermezzo» zum Klingen brachte, oder die elegante Brillanz, mit der Eva Katharina Schultz und Erich Schellow sich in Schweikarts «Der Menschenfeind»-Inszenierung dialogisch duellierten. Das machte süchtig! «Menschenfeind» habe ich vierzehn oder fünfzehn Mal gesehen, die anderen genannten Inszenierungen sicherlich auch ...
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Im Londoner Bush Theater tropft’s durchs Dach, und die Bühnenbeleuchtung funktioniert nicht. Statt einfach einen Monat lang die Blaumänner anzuziehen und dicht zu machen, ging man konstruktiv mit der Notlage um: Man rief die Broken Space Season ins Leben. Jeden Abend konnte man drei wechselnde Kurzdramen in Minimalbeleuchtung sehen, und da man das Bush kennt als...
Erinnerung in Gegenwart zurückzuverwandeln – davon erzählte Jonke in seinem Theaterstück «Gegenwart der Erinnerung» (1995). Dass das niemals gelingen kann, weil es die Zeit und ihre Risse, die Erinnerung und das Vergessen, ja letztlich sogar Leben und Tod aufheben würde, wusste auch Jonke, und dennoch trieb er sein Spiel mit dieser Möglichkeit. Nicht aber, um sich...
Thomas Raufeisen, Jahrgang 1962, wirkt immer noch wie ein großer Junge. Man sieht ihm nicht an, dass die deutsch-deutsche Geschichte willkürlich und brutal in seiner Biografie gewütet hat. Mit Nutella und Lego ist er bei Hannover aufgewachsen, bis die Familie 1978 zurück in die DDR ziehen muss, weil sein Vater, ein «Kundschafter des Friedens», im Westen enttarnt zu...
