Spiraldramaturgien
An zwei Stellen unterbricht plötzlich ein Formular der Armee den Text. Beim ersten Mal ist es ein Dokument der Gegenstände (Bett, kugelsichere Weste, Feldgeschirr etc.), die einer Soldatin zur Einberufung ausgehändigt werden. Beim zweiten Mal der Untersuchungsbericht eines Militärgerichts: Bei einer nächtlichen Überfallsübung hat eine Soldatin sich unzulässigerweise mehr als drei Meter von ihrer ordnungsgemäß unter der Matratze gelagerten Waffe entfernt und ist im Pyjama durchs Lager geirrt.
Beide Male schummeln sich Sätze aufs offizielle Papier, die eigentlich nicht hierher gehören: die Erinnerung an Papas Luftgitarrenkünste bei Dire Straits «Money for nothing» sowie der Satz: «Oder: Die einzige Form, mit der ich mich identifiziere (…) ist eine Spirale.»
Tatsächlich bohrt sich die israelische Dramatikerin Sivan Ben Yishai in «Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)» geradezu spiralförmig in ihr Thema, den Wehrdienst für Frauen in Israel. Verblüffend poetisch und körpernah ist dieser Text über die brutale Initiation junger Frauen im Land mit dem größten Pro-Kopf-Militäretat der Welt, in dem sie zwei (Männer drei) Jahre Wehrdienst leisten müssen und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2020
Rubrik: Neue Stücke, Seite 25
von Eva Behrendt
47000 Tote im Jahr 2017, das ist, als würde eine mittelgroße Stadt aussterben. So manifestiert sich derzeit die so genannte Opioidkrise in den USA. Eine Verbesserung ist nicht in Sicht. Die Zahl der Suchterkrankungen und -toten ist dort seit Beginn des Jahrtausends dramatisch angestiegen. Die amerikanische Drug Enforcement Administration spricht von einem...
Zu Beginn eine Szene, die an die US-Serie «True Detective» erinnert: Taschenlampen erhellen den dunklen Bühnenraum, geben den Blick frei auf eine unheimlich drapierte Frauenleiche. Eindeutig ein Ritualmord: ausgeweidet wie ein Tier, mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf und Runenzeichen am nackten Körper. «Fesseln, Stiche, Folter, nirgends Blut», stellen die beiden...
Auch das postdramatische Theater ist inzwischen in die Jahre gekommen. Mit einer Tagung in der Berliner Akademie der Künste und einem Festival im Kreuzberger Hebbel am Ufer feierte das gleichnamige Buch von Hans-Thies Lehmann soeben seinen 20. Geburtstag. Und weil entsprechende Kulturtechniken im Alter ja erbarmungslos zuschlagen, wurde es bei dieser Gelegenheit...
