Seidenstrümpfe und Pistolen

«Feminat» ohne Kuschelkurs: Anna Bergmanns Schau­spiel­direktion in Karlsruhe beginnt mit einer großen Ibsen-Collage, einer Bergman- Adaption und Sprachmusik zu Europa

Theater heute - Logo

Die Zukunft wird weiblich», versprach das Badische Staatstheater Karlsruhe zum Saisonstart, und verwies damit zunächst mal aufs eigene Personal: Seit Sommer sind vier der fünf Spartenleitungen weiblich besetzt (das Junge Staatstheater bildet mit Otto A. Thoß die Ausnahme), und Schauspieldirektorin Anna Bergmann hat für ihre erste Spielzeit ausschließlich Regisseurinnen eingeladen. Letzteres schlug im Vorfeld unter dem Schlagwort «Feminat» ausgiebige Diskussionswellen.

 

In Bergmanns Antrittsinszenierung wird nun aber das Weibliche keineswegs als Garant für eine leuchtende Zukunft verklärt, im Gegenteil: Die Ibsen-Collage «Nora, Hedda und ihre Schwestern» lässt bei beiden Geschlechtern an kaum einer Figur ein gutes Haar – auch wenn sie es ihnen nicht ganz so rabiat ausreißt wie Hedda Gabler (Sina Kießling), die ihre Konkurrentin Thea Helvsted (Ute Baggeröhr) einfach am Schopf die Treppe hochschleift. Dass Hedda sich auch sonst als eiskalt-intrigantes Biest mit erotischer Dominanz gebärdet, ist angesichts ihrer Umgebung durchaus nachvollziehbar: Heddas Vater hat sie offenbar als Kind missbraucht, ihr Mann Jörgen (Jannek Petri) ist ein grundzufriedener Freizeithemd-Waschlappen von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2018
Rubrik: Starts, Seite 26
von Andreas Jüttner

Weitere Beiträge
Köln: Restmenschen und Auslaufmodelle

Das Drama als Gesellschaftstanz: Grundschritt, Wiegeschritt, vor und zurück. Die bunt gekleidete Formation auf der kahlen Schauspiel-Bühne des Kölner Depots schlenkert die Glieder und wedelt hüftbetont, als würde sie unsichtbare Rumba-Rasseln schwingen. Die Muskelpakete der Männer sind unter den Shirts verrutscht wie zu Buckeln. Die Frauen sind vermummt in...

Düsseldorf: Von Siegen und Siegen

Ein führender Politiker, Präsident eines west­europäischen Landes, gerät in eine Krise. Warum, erfährt man nur in Andeutungen. Jedenfalls hat er den Impuls – sein «Momentum», so der Titel von Lot Vekemans neuem Stück –, der ihn an die Spitze der Macht getrieben hat, verloren. Nur mit Antidepressiva hält er sich am Funktionieren und will zurücktreten. Aber da ist...

Mensch und Tier

Und dann sagt doch nach zehn Stunden tatsächlich einer: «Ich könnte jetzt noch endlos hier sitzen ...» Unersättlich oder wahnsinnig, fanatisch oder gelähmt, fasziniert oder geblendet? Auf jeden Fall: Es ist gewöhnungsbedürftig, sich an einem Sonntag mittags ins Theater zu begeben, das man erst gegen Mitternacht wieder verlassen wird. Wir leben nicht mehr im alten...