Berlin: Halbe Wahrheit

Kay Voges «Don’t be evil»

Theater heute - Logo

«Don’t be evil» war einmal das Motto der Unternehmensgründer von Google: Sei nicht wie die «bösen» Internet-Konzerne, wisse um Richtig und Falsch, verzichte auf Top-Renditen, so die Richtung. Der Slogan entpuppte sich natürlich als frommer Wunsch. Denn ein bisschen böse, ein bisschen blind für Fake und Hate darf wohl sein, wenn’s nur zahlungskräftig vorgebracht wird.

Die Euphorie der Gründerjahre ist dahin, das Motto längst verabschiedet. Und Kay Voges’ Volksbühnenabend «Don’t be evil» wirkt wie der passende Abgesang.

Der scheidende Dortmunder Schauspielintendant und baldige Wiener Volkstheaterdirektor hat sich wie kaum jemand im Stadttheaterbereich um die Adaption von Netz­phänomenen auf der Bühne verdient gemacht. Aber so pessimistisch wie an diesem Abend erlebte man ihn noch nicht. In einem Bühnenkubus (von Michael Sieberock-Serafimowitsch), der mit Videounterstützung von Voxi Bärenklau und Robi Voigt zum multifunktionalen Split-Screen hochgetunt ist, baut Voges den Newsfeed sozialer Medien nach.

Aus parallelen Videokacheln treten Frustrierte mit Anti-Greta-Thunberg-Rants, Islamhasser aus der amerikanischen Alt-Right-Szene und dergleichen freudloses Volk neben Karikaturen von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Christian Rakow

Weitere Beiträge
Anarchie und Selbstdistanz

«Ich bin’s», hört man Anita Vulesicas Stimme zunächst aus dem Dunkel, «die mit den zwei Stimmlagen.» Klingt gut – stimmt aber nicht. Tatsächlich sind es mindestens zweihundert Facetten, in denen die Schauspielerin hier mit ureigenem Witz ihre Lebensbetrachtungen in die Karrierestationen des Popstars Madonna hinein verschachtelt. Der Soloabend «Mother», den Vulesica...

Im Land, wo die Orangen blühen

Man weiß es ja, aber hört es dennoch nicht so gerne. Es hat schon seinen Reiz, wenn der Schauspieler Benjamin Lillie in der Rolle des aufrührerischen «Predigers» in Steinbecks Roman dem noblen Zürcher Pfauen-Publikum mit flam­men­dem Blick entgegenschleudert: «Not ist das Abfallprodukt von Menschen ohne Not.» Wie bring ich’s an den hablichen Schweizer, wird sich...

Jubiläumstheater: Das war das Volk

«30 Jahre Mauerfall» oder «30 Jahre friedliche Revolution»? – Der November war ein Monat, in dem man Erinnerungspolitik wie unter einem Brennglas beobachten konnte. Die offiziellen Feierlichkeiten konzentrierten sich auf den 9.11., in vielen Theatern, vor allem im Osten, wurde auch an den 4.11. erinnert – den Jahrestag der größten Protestdemonstration in der DDR....