Richards Liebeskonzil
In der Hölle liegt das wahre Paradies; auf Erden und im Himmel herrscht eine verdruckst spießige Erotik: Hans Neuenfels schändet Richard Wagners «Tannhäuser». Aber ganz leichthin, von oben herab, fast mit einem Achselzucken nimmt er die Trümmer der Grand Opéra, des Erzromantischen und der hehren Ideale auf die leichte Schulter.
Doch zunächst stiftet der Regisseur ein Memento und mahnt, für die Träume seiner Jugend Achtung zu tragen. Für ein Vorspiel auf der Leinwand lässt Neuenfels Maximen und Reflexionen aus dem Schatzkästlein seiner Lebensweisheit projizieren.
Weißt Du, wie das wird – oder war, ließe sich mit den «Ring»-Nornen raunen. Als man noch Winzling und Möglichkeitsmensch war, noch Visionen besaß, bis die wilden Jahre im tristen Ehestand zahm wurden, Sublimierungstheorie zur gängigen Praxis wird – und der hochfliegende Ikarus abstürzt.
Während dieses Prologs durchleuchtet im Graben des Aalto Theaters Stefan Soltesz die Ouvertüre sublim und dezent, so wie der Intendant und GMD, sein Orchester und das Ensemble überhaupt Essens Musiktheater zur mit Abstand ersten Adresse in Nordrhein-Westfalen gemacht haben.
Wenn sich der Vorhang hebt, liegt der Venusberg wie zum pompe funèbre ...
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Am Staatstheater Cottbus sitzt Doktor Heinrich Faust im anthrazitfarbenen Dreiteiler am Laptop und hackt missmutig «Habe nun, ach!» in die Tastatur. Der Brockhaus ist hier quasi längst digitalisiert: Statt Bücherwänden umgeben den ergrauten Akademiker lediglich kahle dunkle Wände; und was die Welt im Innersten zusammenhält, muss im Zweifelsfall das world wide web...
So sieht also der Himmel aus, jedenfalls der von Psychiater Königsforst, 57, aus Wolfen: Kurz nachdem der doppelte Selbstmordversuch mit Gattin Helga kläglich gescheitert ist, ergreift den Mann ein völlig neues Körpergefühl. Peter Kurth wischt sich den erbrochenen Pillenbrei von der Brille, pumpt die Lungen voll Morgenluft, reißt sich den mittelbraunen Anzug vom...
«Ich ...?», stammelt Kurt Köpler alias Henrik Höfgen alias Gustaf Gründgens entgeistert, «ich?». Wer soll das denn sein? Es ist das letzte Wort des Herrn mit der Dreifach-Identität und den Doppel-Initialen. Er ist Schauspieler, also: ein leeres Ich, dringend bedürftig, sich mit fremden Identitäten aufzuladen. GG, das war Gustaf Gründgens, Mephistodarsteller, unter...
