Hamlet auf See
Einen Monat vor meinem achtzehnten Geburtstag schenkte mir meine Freundin eine Seite Nietzsche. Der Text begann: «Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer.»
Kurz darauf zog ich fort. In der Hamburger Kunsthalle verbrachte ich einige Stunden bewegungslos vor dem Gemälde «Der Wanderer über dem Nebelmeer» mit dem Versuch, der Mann im Bild zu werden.
Wandern erinnerte mich an deutsche Volkslieder und die Lieblingsfreizeitbeschäftigung meiner Eltern, an der teilzuhaben meine Schwester und ich von früh auf genötigt wurden. Romantik war auch suspekt, galt mir als Wiege bürgerlicher Gesellschaft und Grabgeläut revolutionärer Literatur, Hölderlin, Kleist, Büchner.
Nietzsche kamen erst später und noch nicht vor; außerdem war «Gott ist tot» da, wo ich herkam, kein sehr beliebtes Motto. Man hielt es lieber mit Norbert Blüm.
Früh wurde mir Theater zum Reiseerlebnis. Sobald ich den Führerschein hatte, fuhr ich mit meinem einseitig Geliebten nach Berlin. Im weißen VW-Polo, mit Choke-Knopf zum Rausziehen beim Kaltstart, zur Schaubühne, Peter Stein, «Drei Schwestern». Sprachlose Heimfahrt direkt nach dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Man kann sich Peter Handke gut vorstellen, wie er frühmorgens am Rand eines noch leeren Platzes – nicht im Zentrum der Metropole, eher in der Vorstadt – im Café sitzt, schaut und protokolliert, wie das Leben erwacht. Aber natürlich ist er nicht der bloße Zuschauer, wie er sich gern stilisiert. Die wimmelnden Menschen werden ihm zu Figuranten eines neobarocken...
TH Claudius Lünstedt, wie kommt man als deutscher Theaterautor nach Teheran?
Lünstedt Meine erste Reise dorthin habe ich 2005, vor ziemlich genau vier Jahren, aus reiner Neugier unternommen. Mich hat interessiert, ob das einseitige und schreckliche Bild, das die meisten Medien vom Iran zeichneten, der Realität entsprach. Ich hatte damals gerade im Rahmen eines...
Wie alle großen Liebesgeschichten ist auch diese tatsächlich ein Märchen. Im vergangenen Jahr schauten viele Leser erstmals hinter das gut gehütete, lange Zeit tabuisierte Geheimnis zweier Dichterseelen, als deren Briefwechsel vollständig ediert wurde. Vielleicht war es eine unmögliche Liebe: der in Czernowitz geborene Jude Paul Celan, dessen Eltern im...
