Wer, wenn nicht ich?
In der Münchner Theatertopografie gilt das Residenztheater seit jeher als Hort repräsentativer Hochkultur, während man den Kammerspielen von Haus aus grenzüberschreitenden Innovationswillen zuschreibt. Historisch betrachtet mag das überwiegend zutreffen, bei näherem Hinsehen bekommt dieses aufgeräumte Weltbild allerdings vermehrt Risse. Zumindest was ästhetische Spannweite und politische Brisanz des Spielplans betrifft, hat das Resi in letzter Zeit – nicht nur dank der Auswärtseinsätze eines Frank Castorf – deutlich aufgeholt.
Trotzdem machen die abrupten Lagenwechsel im Repertoire mitunter ein wenig schwindelig. Glaubt man sich an einem Abend schon mal unverhofft in einer posthumen Gastvorstellung der Kleinen Komödie am Max II (die es seit acht Jahren nicht mehr gibt), so sanft und selig aus der Zeit gefallen plätschern die Pointen des vorletzten Jahrhunderts im Edelboulevard-Goldfischglas, tobt tags darauf im Marstall der balkanische Bär: wüsteste Publikumsbeschimpfung, blutiges Gemetzel an Aushängeschildern deutscher Kultur von Kant über Brecht und Fassbinder bis – ja, ausgerechnet Castorf, Pollesch und Resi-Intendant Martin Kusej. Bundespräsidiale Weiheworte über deutsche ...
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Theater heute Juli 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 4
von Silvia Stammen
Aalen, Theater der Stadt
2. Schiller, Der Parasit
R. Robert Teufel (Freilichttheater)
18. nach Saint-Exupéry, Der kleine Prinz
R. Ann-Kristin Ebert
23. nach Teller, Nichts
R. Julius Ferstl
Berlin, Komödie
19. Heinersdorff, Der Kurschattenmann
R. Horst Johanning
Bremen, Shakespeare Company
19. Mak/Goos, Fully Female
R. Sabina J. Mak/Annika Goos
Coburg, Landestheater
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Als der dem KZ entkommene Jude Edgar Hilsenrath, geb. 1926, Ende der 60er Jahre für seinen Roman «Der Nazi und der Friseur» einen deutschen Verlag suchte, hagelte es Absagen: Tollkühn erschien der Versuch, den Holocaust aus der Perspektive des Täters zu erzählen, unzumutbar die Geschichte des Massenmords als wilde, pornografische Kasperlegroteske. In den USA...
«Ab jetzt bestimmt die Fiktion die Wirklichkeit!» Der Mann mit der Pelzkappe reißt das Fenster zur Straße auf. Eine frische Brise, Autolärm und Vogelzwitschern dringen in den stickigen Theaterraum hinein, und er brüllt hinaus: «Wir lassen uns von Gott nicht mehr umbringen!» Mit Revolvern hatte der Bärtige, der Anarchist Michail Bakunin, zuvor in den Theaterhimmel...
