Die ganz normale Katastrophe
Ja, es ist verrückt, wie schnell alles Vergangenheit wird», meint der «Finanzexperte» in der Radio-Talkrunde, bei der man schon langenicht mehr weiß, ob es um den jüngsten Jahrhundertsturm oder die letzte Jahrtausendflut geht, ob gerade ein pazifischer Wirbelsturm die Südstaaten umpflügt, ein osteuropäisches Atomkraftwerk die nächstgelegene Millionenstadt grillt oder eine winterliche Bundesautobahn 48 Stunden lang eingefroren ist. Die Moderatorensätze sind längst austauschbar geworden und die Hörerbeiträge nicht minder.
Das große Katastrophenrauschen hat seine eingespielten Rituale entwickelt. Sie fangen bei den Krisenstäben an, schalten sich von den Evakuierungsplänen zu aufgeregt ahnungslosen Vor-Ort-Korrespondenten und den unverzichtbaren Experten, die etwas Fachwissen ins Feuer gießen, und kommt spätestens nach der übernächsten Schaltpause bei der zerknirschten Medien-Selbstkritik an, zu der ein unbekannter Kulturwissenschaftler auch noch Wesentliches beisteuert. Zurück zur Technikerin im Studio: «Ja, am Ende steht doch immer irgendwo ein Grüppchen Angehöriger herum und konserviert Erinnerungen, die doch niemand brauchen kann.»
Kathrin Röggla greift in «worst case» (der ...
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