Mannheim: Minimalistische Dystopie
Da sitzt er auf seinem Fluggerät, einen Holzstuhl als Pilotensitz, mit einem umgedrehten Hocker als Lenkrad und einen Ritterhelm aus Plastik auf den Kopf. Mit seinem Raumschiff, der «Integral», möchte er zu den Sternen aufbrechen, um die Bewohner ferner Planeten zu zivilisieren – und sie von einem System zu überzeugen, an dem er selbst gerade zweifelt.
Denn der «Einzige Staat», den Jewgenij Samjatin in seinem Roman «Wir» entwirft, hat die Mängel der Menschheit mithilfe von mathematischer Gleichschaltung ausgemerzt: Anstelle von Namen tragen alle Menschen eine Nummer, sie leben in transparenten Behausungen und folgen, auf die Sekunde genau, dem selben Tagesplan – inklusive des nachmittäglichen Spaziergangs zur Erholung, der sich eher wie ein Massenaufmarsch à la Riefenstahl ausnimmt. D-503 ist Mathematiker, glühend glaubt er an die Überwindung der lästigen Individualität durch knallharte Logik und führt das Publikum enthusiastisch strahlend in die Gesetze des «Einzigen Staates» ein. Bis ihm, wie könnte es anders sein, eine Frau den Kopf verdreht und er plötzlich eine Missbildung entwickelt: eine Seele nämlich.
Im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim hat Roscha A. Säidow ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Juli 2019
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Esther Boldt
In Fjodor Dostojewskis 1866 erschienenem Roman «Schuld und Sühne» begeht der Jurastudent Raskolnikow einen politisch motivierten Mord, dessen krude Gedankenbasis uns Kindern des 20. und 21. Jahrhunderts leider vertrauter ist, als wir das gern hätten. Intellektuell hochbegabt, aber ökonomisch unterprivilegiert, wird Raskolnikow in seiner ärmlich-abgerockten...
Filme auf dem Theater haben den Vorteil der geschlossenen Erzählung, die das Publikum schätzt, die das Theater, das sich um avancierte Zeitgenossenschaft bemüht, aber hinter sich gelassen hat. Filme auf dem Theater haben den Vorteil, dass das Theater an einem theaterfremden Stoff alle seine vielfältigen Mittel der ästhetischen Brechung linearer Narrativität...
Wie Premierminister Viktor Orbán in einer Rede im vergangenen Sommer stolz betonte, ist das Theater eine der populärsten Kunstformen in Ungarn. Nach jüngsten Statistiken wurden in dem Land mit zehn Millionen Einwohnern fast acht Millionen Tickets verkauft; im Jahr 2010 waren es nur 4,4 Millionen. Es ist allgemeiner Konsens, dass die Einführung einer neuen Steuer...
