Das Wesen der Kultur

... ist lernen, nicht lehren, Zerbrechlichkeit statt Stabilität, wechselnde Interpretationshorizonte statt dogmatischer Gewissheiten. Der Zuschauer darf bei diesem Prozess teilnehmen, durchaus aber auch ein Beobachter zweiten Grades bleiben.

Theater heute - Logo

Die, der, und, in, zu, den, das, nicht» … exakt einhundert deutsche Worte machen circa fünfzig Prozent unseres Alltagswortschatzes aus. In Lukas Bärfuss’ Schauspiel «Öl» übt Eva Kahmer, die ihrem von der
Ölsuche besessenen Mann in eine entlegene Region Europas gefolgt ist, diese sinnlos aneinandergereihten Wörter in verbissener Unnachgiebig­keit mit Gomua, ihrer einheimischen Bediensteten.

Als dieses skurrile Training schließlich erfolgreich bestanden ist, fragt Gomua mit trockener Lakonie: «Und was nützt mir das?» Ja, was nützt ihr dieser Wortschatz, was nützt ihr aber auch die Kenntnis eines Gedichts von Joseph Eichendorff, den sie mit Rainer Maria Rilke verwechselt oder das Lied von der Loreley, das sie gleichfalls auswendig hersagen kann? Keinerlei kulturelle Alltagserfahrungen schlagen die Brücke zu diesem angelernten Kunstwissen. Was vermittelt sich für Gomua durch diese herrschsüchtig auftretende Kultur außer Fremdheit und Demütigung? Dabei verbirgt Eva Kahmers hegemonialer Gestus, ihr Stolz auf die importierte Kultur, nur mühsam das Angelernte und nicht Angeeignete dieser Geschichtsspur.

Da alle großen Kulturen geprägt sind von Durchlässigkeit und von der Aufnahme anderer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August / September 2010
Rubrik: Debatte, Seite 46
von Ulrich Khuon

Vergriffen
Weitere Beiträge
Du sollst nicht proben

Über die Grenzen der Stadt hinaus wurde das Wiener Schauspielhaus in den letzten drei Spielzeiten vor allem dank der Stücke von Ewald Palmetshofer wahrgenommen, die hier uraufgeführt wurden. Die beim Wiener Publikum beliebtesten Produktionen von Andreas Becks Intendanz aber waren bisher die Theaterserien. 2008, in Becks erster Spielzeit, wurde Hei­mito von Doderers...

Lotte Kotte lebt hier nicht mehr

Lotte Kotte ist eine traurige Heldin, die vor vielen Jahren von Botho Strauß auf den Weg durch die Vorhölle bundesrepublikanisch-bürgerlicher Wohlstandsverwahr­losung geschickt wurde. Sie – und mit ihr eine ganze Generation kritischer Theatermacher – fand nicht viel Gutes, Wahres, Schönes zwischen Remscheid und Essen. Der bürgerlich verfassten Gesellschaft wurde in...

Premieren im August/September

Aachen, Grenzlandtheater

Kasse: 00 41/1/261 21 79
    19.8.    Mann, Buddenbrooks
R. Ulrich Wiggers
    26.9.    Glattauer, Gut gegen Nordwind
R. Uwe Brandt


Altenburg/Gera, TPT

Kasse Altenburg: 03447/585 161
Kasse Gera: 0365/827 91 05
    4.9.    nach Storm, Der kleine Häwelmann
R. Astrid Griesbach
    18.9.    nach Grimm, Dornröschen
R. Astrid Griesbach (Marionettenspiel)
 ...