Der lächerliche Reuestolz

Hermann Schmidt-Rahmers Düsseldorfer Jelinek-Inszenierung «Rechnitz (Der Würgeengel)» verstört vor Ort

Theater heute - Logo

Der Skandal kam zum Schluss. Es ist eine nahezu blinde Szene, in der Tiefe der Bühne sitzen zwei schemenhafte Gestalten und sprechen – mit sonorer Stimme der eine, mit einer knabenhaften Altstimme der andere – den Chat-Dialog des sogenannten Kannibalen von Rotenburg und seines Opfers/Partners. Großer Zuschauer-Exodus bei der Premiere. Es war die Entscheidung des Regisseurs Hermann Schmidt-Rahmer, die Szene an den Schluss zu setzen: Sie entspricht in exemplarischer Weise Jelineks provokanter These, in den Kontext des Genozids spielten auch Lustmomente, geradezu bacchantische Motive hinein.

«Rechnitz» erzählt ja von einem mutmaßlichen «Lustmord» an circa 140 NS-Opfern im April 1945. Die Szene ist gar nicht besonders effektvoll, etwa bewusst auf einen Skandal hin inszeniert. Es ist eher ein Hörspiel. Aber das reicht, um einem Teil des Publikums Schauer über den Rücken zu jagen und einen anderen zu vertreiben. Alle haben jetzt verstanden (auch wenn sie es nicht verstehen wollen), dass Elfriede Jelinek den notorischen deutschen «Sündenstolz» (der besser vielleicht «Reuestolz» hieße) lächerlich machen will, weil sie ihn als hohles Ritual begreift.
Mehr als Karin Beiers gewiss virtuose, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2011
Rubrik: Best of … Theatertreffen, Seite 19
von Martin Krumbholz

Weitere Beiträge
Pathologien des Alltags

Dass Theodor W. Adorno den Jazz ge­ring­geschätzt hat, ist verbürgt. Jazzorchester erinnerten den Philosophen an Militärkapellen. Der Dramatiker Thomas Melle bastelt aus der kulturgeschichtlichen Petitesse eine Mini-Farce. Ein deutsches Paar in Israel: Während sie mit dem Kellner flirtet, widert ihn das bevorstehende Jazzkonzert schon beim Frühstück an. Obwohl er...

Aufführungen

Nein, es ist keine Romanbearbeitung, mit der Michael Thalheimer seine erste Regie an der Berliner Schaubühne vorstellt. Der Großromancier Lew Tolstoi hat 1886 mit «Die Macht der Finsternis» ein veritab­les Drama, fünf Frauen, sechs Männer, um die Gier, das Geld und den Tod geschrieben. Sechs Jahre früher hat der sehr junge Kollege Tschechow seinen müden...

Die Stunde der Kleindarsteller

Im Spielplan des Burgtheaters gibt es derzeit zwei Schwerpunkte. Den einen könnte man mit «Matthias Hartmann» überschreiben, den anderen mit «Internationale Gäste». Nicht weniger als zehn Hartmann-Inszenierungen befinden sich aktuell im Repertoire, und da sind die Arbeiten der am Burgtheater engagierten Fami­lien­mitglieder (Gattin, Schwester, Schwager) noch gar...