Die einzig wirkliche Griechin
Was für eine Tragödin! Am Leib von Nina Hoss als Medea wird das Schwarz wieder zu dem, was es einmal war: die Farbe des Todes, die Farbe der archaischen Landbevölkerung, die Farbe des großen Nein zur bunten Mittelstandswelt des in seiner Berliner Variante sehr gegenwärtig ausschauenden Korinth. Ausgerechnet die Barbarin aus dem halbwilden Kolchis ist unter den dortigen Seifenopernhellenen die einzige wirkliche Griechin, stolz und kompromisslos, göttergleich das eher kleine männliche Objekt ihrer Liebe überragend.
Medea, das ist seit zweieinhalb Jahrtausenden bekannt, stirbt nicht, sie lässt lieber sterben. Als ihr Gatte Jason (Michael Neuenschwander) durch eine Heirat die soziale Leiter hinaufsteigen möchte, mordet sie ihre Kinder, vergiftet ihre Nebenbuhlerin sowie deren Vater – und kommt auch noch ungeschoren davon. Das ist heute vielleicht ein noch größerer Skandal als in der Antike, die ja ein – gelinde gesagt – unsentimentales Verhältnis zum Kind hatte (man denke nur an den ziemlich bedenkenlos ausgesetzten Ödipus). Die Herausforderung, die darin liegt, uns so eine Frau nahe zu bringen, ohne sie durch eine Selbsterfahrungsgruppenpsychologie zu banalisieren, haben in der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Stück endet in der Katastrophe: Der Vater stirbt, die Ehefrau wird wegen Missbrauchs eines Minderjährigen verurteilt, weitere Beziehungen sind zerstört oder ihr Aufkommen wird im Keim erstickt. Oder es schließt mit Happy End: Denn der angeblich missbrauchte Junge und die Tochter beginnen eine Beziehung – die die Fehler der Eltern vielleicht vermeidet ....
Der Dramaturg, der liest die Stücke durch. Mag er sie lieber nicht, war Lesen seine Pflicht. Es fliegt das Manuskript, bis die Schreibtischlampe kippt. Doch wenn sie ihm gefallen, gibt er sie nachher allen. – So werden aus Lieblingsstücken bedeutende Uraufführungen: eine Auswahl der größten Chancen der nächsten Saison
40 Kritiker sind kurz vor Saisonschluss noch einmal in sich gegangen, haben die theatertollen Köpfe durchlüftet und sich nach langem, qualvollen Ringen für ihre Höhepunkte des Jahres entschieden. Ihre Wahl ist wie immer einseitig, ungerecht, egozentrisch – und völlig unfehlbar.
Auf den folgenden Seiten die funkelnden Spitzen der deutschsprachigen Theaterwelt,...
