Das Klopfen der Wiederkunft

Otto Sander erscheint im Traum

Theater heute - Logo

In der Nacht zum fünfzehnten August, etwa ein Monat vor seinem Tod, erzählte mir Otto Sander im Traum, daß sein erster Auftritt in der darstellenden Kunst bereits 1941, kurz nach seiner Geburt, stattgefunden habe. An der Seite des damals berühmten Paul Kemp sei er in den Anfangssequenzen eines Ufastreifens das schreien­de Baby, ein Findelkind, gewesen, das den Komiker in Verlegenheit und die Handlung des Lustspiels in Fahrt gebracht habe.

Wo wir uns nächtlich begegneten, das war ein kleines Zimmer im großen Zimmer einer Bühne, und darin im tiefen Hintergrund wiederum eine noch kleinere, schrein­artige Stube mit einem kargen, leeren Tisch, an dem ich saß, niedergebeugt und träumend, eine räumliche Anordung, die offenkundig von William Blakes geheimnisvoller Zeichnung «A Vision» beeinflußt war. Otto, stehend neben dem Tisch, öffnete eine schma­le Tür zur Hälfte, und die enge Stube füllte sich mit den geisterhaften Figuren seines Schauspielerlebens, eine nach der anderen schlich stumm herein, und er nannte sie bei ihrem Rollennamen, stellte sie mir vor, sofern ich sie nicht kannte. Ein wenig geniert ob der bedrückenden Menge seiner gespielten Figuren, hatte er sich ein wenig abgewendet ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2013
Rubrik: Abschiede, Seite 47
von Botho Strauß

Weitere Beiträge
Die Entzauberung der Avantgarde

Vor das Entree der Bochumer Jahrhunderthalle schiebt sich wie ein Keil ein zehn Meter hoher schmaler, lichtweißer Treppenbau, der gleich von den Besuchern bunt besetzt wird. Die von Mischa Kuball entworfene Frei- und Showtreppe sorgt gewissermaßen für eine Umkehrung der Verhältnisse. Nicht Stars und Künstler absolvieren auf dieser «Agora Arena» ihren Auftritt,...

Der Erste macht das Licht an

Das ehemalige Kolosseum-Kino in der Nußdorfer Straße ist heute ein Supermarkt. Beinahe wäre ein Theater daraus geworden. Als die Stadt Wien 1976 eine neue Spielstätte für Hans Gratzers Theatergruppe Werkstatt suchte, war das Kolosseum Gratzers Favorit. Die Wahl fiel schließlich auf einen anderen, kleineren Kinosaal: Im damals gerade geschlossenen Heimatkino in der...

Der ungelöste Fall

Nachdem in Schreibmaschinenschrift die Basis-Informationen zu diesem Aktenzeichen XY …ungelöst auf den eisernen Vorhang getippt worden sind, öffnet sich die Schleuse und gibt Einblick in ein verschollenes Archiv. Ein gigantischer Aktenschrank mit einer unendlichen Zahl von Schubladen reicht bis zur Bühnendecke und darüber hinaus. Gras und Schmutz fällt von oben...