Missbrauchte Floskeln
Ein Stück für Musik, nicht mit Musik, nennt sich Händl Klaus’ neuestes Werk «Gabe/Gift». Ein Stück für Sprachmusik. Händl Klaus, der Spezialist für das absichtsvoll Unheimliche unter den gegenwärtigen deutschen Theaterautoren, ist auch ein Sprachtüftler. Er erfindet eine Familiensprache – kein Dialog, ein gemeinsamer Monolog mit verteilten Silben. Eine Replik ist hier keine Antwort, sondern die Fortspinnung eines Satzteils mit umgebogenem oder gegensätzlichem Sinn. Mutter Lore: «Wehr dich» / Sohn Bert: «nicht» / Vater Otto: «da ich dich liebe. Es ist wahr.
» Eine streng sequenzierte Sprachmusik, Klangfarbenmelodie statt propositionaler Mitteilung.
Das ist dennoch keine absolute Musik. Es gibt noch etwas, das bezeichnet wird: Eine Geschichte wird erzählt, aber völlig verrätselt. Eine Kriminalgeschichte mit losen Handlungsfäden. Bedeutungsschwer, bedeutungsleer, polysemantisch. Eine Polizistenfamilie baut einen Kellerraum zum «Erfrischungsraum» um. Dabei werden inzestuöse Verwicklungen und Mordpläne angedeutet, doch alle Konfliktspuren werden sofort wieder verwischt. Der Mann eines zufällig vorbeikommenden Paares entpuppt sich auch als Polizist, sie haben eine Schatzkarte dabei, und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2013
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Gerhard Preußer
Weiß, oval, eng und weit. Es ist ein Raum irgendwo zwischen White Cube und Gladiatorenarena, den sich Sebastian Hartmann zum Ende seiner Intendanz für seine Leipziger Festspiele ins Centraltheater gestellt hat. Ein Totaltheater, dem nicht nur die Stühle des Zuschauerraums, sondern auch der Deckenleuchter einem riesigen Scheinwerfer weichen musste. Bis zu 200...
Drei Tage dauerte das Theaterspektakel der «Moskauer Prozesse» in den Räumen des Sacharow-Zentrums. Genau in diesem Saal stürmten im Jahre 2003 rechtgläubige Aktivisten die Ausstellung «Vorsicht, Religion!», genau hier öffnete vier Jahre später die Ausstellung «Verbotene Kunst 2006». Und genau hier schauten am dritten Tag der «Moskauer Prozesse» rechtgläubige...
Gut möglich, dass Sven Lehmann der tiefentspannteste Mephisto war, den man bis dato im Theater sehen konnte. Wie er dem viel größer gewachsenen Faust des Ingo Hülsmann mit nachgerade zärtlicher Seher-Geste in regelmäßigen Abständen den Kopf auf die Schulter legte, während der sich in akademischer Streber-Manier schweißtreibend neben ihm abhampelte, wird keiner, der...
