Die Kosten der Individualisierung

Tennessee Williams «Endstation Sehnsucht»

Theater heute - Logo

Lachen will der neue Mensch. Zu gut gepanzert gegen Mitleidswirkungen ist unsere Seele, als dass uns mit Tragischem noch beizukommen wäre. Das äffische Gemecker ist der ani­ma­lische Restreflex des auf- und abgeklär­ten Zuschauers. Erschüttern kann man nur das Zwerchfell noch. Allein die Groteske kommt uns bei, wusste schon der selige Dürrenmatt.

So beginnt Jorinde Dröses Inszenierung in den Bochumer Kammerspielen ganz heiter mit lustigen Fami­lienfotos: Gruppenstandbild, Blackout, Musik und neues Bild.

Wir sehen die Familien DuBois und Kowalski statisch arrangiert, bevor sie die Reise in das Unheil antreten. Dann begegnen sich die Schwestern Stella und Blanche und erstarren schrecksekundenlang bewegungslos, bevor das schwesterliche Begrüßungsgeplänkel sich einstellt. Man sieht, mit welchen kalkuliert verzerrenden, fast groben Mitteln die Inszenierung arbeitet.

Bei der ersten Begegnung von Blanche und Mitch kommt dieser gerade aus dem Bad, voll mit Seifenschaum. So begrüßt er Blanche und  überträgt dabei den Schaum unwillkürlich auf die Schaumschlägerin. Blanches erster Kontaktversuch mit Stanley, Stellas Mann, ist der typische Frauentrick, wie man ihn aus jeder Billy-Wilder-Komödie ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2007
Rubrik: Chronik, Seite 43
von Gerhard Preußer

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mehr als Opium

Max Reinhardt gehört zu den großen Verkannten der Theatergeschichte. Das mag angesichts seines geradezu legendären Rufs vielleicht paradox klingen. Doch beim näheren Hinsehen ist Reinhardts Ruf zwiespältig. Theaterleute von heute beziehen sich lieber auf die zahllosen (und nicht selten dem diskreten Charme diverser Diktaturen erlegenen) Weltverbesserer, die die...

Im Dutzend billiger?

In den ersten sieben Spielzeiten der Direktion Bachler standen im Burgtheater insgesamt vier Shakespeare-Inszenierungen auf dem Spielplan. In der laufenden achten Spielzeit sind es sechs, und für die Saison 2007/08 sind noch einmal sechs geplant. Sieht so aus, als hätte Klaus Bachler kurz vor Ende seiner Amtszeit noch etwas nachzuholen. Tatsächlich hatte er mit...

Schöpfung der Menschlichkeit

Langsam, fast vorsichtig nähert sich Athene. Über einen Steg zwischen den Zuschauern zur Bühne, wo ein jun­ger Mann sitzt, auf dem Boden, und wartet: Orest. In der Nähe liegen schla­fend – oder tot? – weitere Personen, während er ruhig der Göttin seine Geschichte schildert: vom Vater Agamem­non, der auf göttliches Geheiß die Tochter Iphigenie opferte; der wiederum...