Ein sehr lebendiger Organismus
Über eine Theateraufführung kann nur schreiben, wer mit eigenen Sinnen und Verstand gegenwärtig war. So dachte man bisher, und so formuliert die Theaterwissenschaft und Theaterkritik ihr leidiges Problem, ein flüchtiges Ereignis analysieren und konservieren zu wollen.
Schon der Versuch eines Kritikers oder wissenschaftlichen Beobachters, während der Aufführung Notizen zu machen, Urteile zu erwägen und Formulierungen zu suchen, trennt ihn vom Publikum, das dem theatralischen Geschehen folgt und im gelungenen Falle nach den Wirkungen und Gesetzmäßigkeiten erlebt, die die Aufführung selbst zu erzeugen vermag. Der zu Urteil und Beschreibung gezwungene professionelle Zuschauer interveniert an dieser elementaren Beziehung von Kunstwerk und Erlebnis. Welchen Einfluss diese Intervention auf die Theateraufführung hat und wann sie zerstörerisch (Urteilszwang und Besserwisserei) oder gewinnbringend (Vorkenntnisse und gesteigerte Neugierde) ist, ist schwer planbar. Das Wahrnehmungsparadox, dass der Beobachter immer schon den Gegenstand seiner Beobachtung beeinflusst, gilt für das Theater und seine Zuschauer in konstituierender Art und Weise. Die Theaterwissenschaft kämpft seit jeher mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
In diesem «Ödipus» geht ein gezackter, mit Glas oder Plexiglas bedeckter Graben durch den Zuschauerraum (Bühne Karl-Ernst Herrmann). Wie ein Blitz des Zeus! Ob der tatsächlich mit Licht gefüllt wird? Oder Blut?
Die Zuschauerrampe ist schwarz und steil abfallend, die Bühne steht auf einem Metallgerüst, das wiederum im Wasser steht, und ist schwarz und steil...
Ein wenig ist das wie Wrestling, wie Schattenboxen da vorne auf der breiten Bühne des Velodroms; und dann kommen auch noch Ausdruckstanz-Verrenkungen dazu, wie man sie aus der Raumschiff-Orion-Disco kennt: So versucht Regisseurin Petra Wüllenweber in ihrer «Penthesilea»-Inszenierung am Regensburger Theater mit ein paar Schauspielern ein großes Schlachtengetümmel...
Warum wird dieses Thema derzeit völlig ignoriert?», fragte Harald Schmidt auf den Brettern des Stuttgarter Schauspiels und meinte den Deutschen Herbst. Selten war Ironie so am Platz. Das ganze 30. Jubiläumsjahr hindurch war schließlich dokumentiert, getalkt, gestritten und erinnert worden. Der Bundespräsident hatte nach langen Debatten und konspirativen Treffen das...
