Ein sehr lebendiger Organismus

Theatergeschichte aus dem Geist der Theaterkritik: Günther Rühles «Theater in Deutschland 1887 bis 1945»

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Über eine Theateraufführung kann nur schreiben, wer mit eigenen Sinnen und Verstand gegenwärtig war. So dachte man bisher, und so formuliert die Theaterwissenschaft und Theaterkritik ihr leidiges Problem, ein flüchtiges Ereignis analysieren und konservieren zu wollen.

Schon der Versuch eines Kritikers oder wissenschaftlichen Beobachters, während der Aufführung Notizen zu machen, Urteile zu erwägen und For­mulierungen zu suchen, trennt ihn vom Publikum, das dem theatrali­schen Geschehen folgt und im gelungenen Falle nach den Wirkungen und Gesetzmäßigkeiten erlebt, die die Aufführung selbst zu erzeugen vermag. Der zu Urteil und Beschreibung gezwungene professionelle Zuschauer interveniert an dieser elementaren Beziehung von Kunstwerk und Erlebnis. Welchen Einfluss diese Intervention auf die Theateraufführung hat und wann sie zerstörerisch (Urteilszwang und Besserwisserei) oder gewinnbringend (Vorkenntnisse und gesteigerte Neu­gierde) ist, ist schwer planbar. Das Wahrnehmungsparadox, dass der Beobachter immer schon den Gegenstand seiner Beobachtung beeinflusst, gilt für das Theater und seine Zuschauer in konstituierender Art und Weise. Die Theaterwissenschaft kämpft seit jeher mit ...

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Theater heute Dezember 2007
Rubrik: Theatergeschichte, Seite 42
von Bernd Stegemann

Vergriffen
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Voll heutig, mit Bedeutungsformel

In diesem «Ödipus» geht ein gezackter, mit Glas oder Plexiglas bedeckter Graben durch den Zuschauerraum (Bühne Karl-Ernst Herrmann). Wie ein Blitz des Zeus! Ob der tatsächlich mit Licht gefüllt wird? Oder Blut? 

Die Zuschauerrampe ist schwarz und steil abfallend, die Bühne steht auf einem Metall­gerüst, das wiederum im Wasser steht, und ist schwarz und steil...

Risse im Panzer

Ein wenig ist das wie Wrestling, wie Schattenboxen da vorne auf der breiten Bühne des Velodroms; und dann kommen auch noch Ausdruckstanz-Verrenkungen dazu, wie man sie aus der Raumschiff-Orion-Disco kennt: So versucht Regisseurin Petra Wüllenweber in ihrer «Penthesilea»-Inszenierung am Regensburger Theater mit ein paar Schauspielern ein großes Schlachtengetümmel...

Das kleine Machtgefühl

Warum wird dieses Thema derzeit völlig ignoriert?», fragte Harald Schmidt auf den Brettern des Stuttgarter Schauspiels und meinte den Deutschen Herbst. Selten war Ironie so am Platz. Das ganze 30. Jubiläumsjahr hindurch war schließlich dokumentiert, getalkt, gestritten und erinnert worden. Der Bundespräsident hatte nach langen Debatten und konspirativen Treffen das...