Gepflegter Nazi-Chic
Wenn einer einen anderen erschießt, kann das quälend lange dauern. Vor allem dann, wenn der Erschossene von derselben Person gespielt wird wie der Mörder. Immer wieder tauscht Schauspieler Meinolf Steiner sein blaues Sakko gegen den Smoking nebst Fliege aus, spricht zwei Sätze, und die Umziehorgie beginnt von vorne. Bis zum finalen Abdrücken und zu Boden Sinken des Opfers. Minutenlang dauert der Mord – an sich selbst.
Denn mit dem Tod des Firmenpatriarchen Joachim von Essenbeck beginnt mitnichten eine neue Zeit.
Enkel Martin ist nur ein Wiedergänger im ewigen Kampf um die Spitze und im Bemühen, sich ganz oben zu halten – bis zum nächsten Mord. Es sind immer dieselben Persönlichkeiten in einem ewig gleichen Spiel – die Aussage, die die niederländische Theatergruppe ZT Hollandia mit einer Reihe von Doppelbesetzungen in ihre Bühnenfassung des Visconti-Films «Die Verdammten» eingewoben hat, ist so einleuchtend wie banal.
Und führt, im Gegensatz zu Viscontis melodramatischer Transformation der Geschichte vom Aufstieg des Nationalsozialismus, zu einer kritischen Distanz beim Publikum, die immer wieder in Verwirrung umschlägt. Man steigt einfach zwischen andauernden Kostümwechseln nicht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2014
Rubrik: Chronik, Seite 57
von Alexander Kohlmann
Demenz, erklärt der hypermotorische Psychiater Dr. Szatmáry eingangs dem Publikum, sei eine Krankheit, bei der das Gehirn vom Nichts gefressen werde. Ein Zustand wie in Ungarn, fügt er sarkastisch hinzu: «Keine Vergangenheit, keine Zukunft.»
In seiner schrägen Gesellschaftsparabel «Dementia, or the Day of My Great Happiness» behandelt der ungarische Regisseur...
In Yer Face
Sibylle Bergs «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen» im Berliner Gorki Theater
Ich gestehe es freimütig: Die Aussicht, im Maxim-Gorki-Theater künftig «postmigrantisches» Theater geboten zu bekommen, hatte mich nicht gerade veranlasst, vor Freude auf dem Tisch zu tanzen. Dinge, die die Silbe «post» im Namen tragen, haben sich bei näherer Betrachtung...
Er muss nichts rechtfertigen. Aber es war Mortier darum zu tun, sich zu erklären, um mit seinem Impuls die ermatteten Kräfte der Bühne energetisch zu laden: in die Zukunft hinein. Der am 9. März 2014 mit 70 Jahren verstorbene Intendant konstatiert in der Einleitung seines Buches «Dramaturgie einer Leidenschaft» eine «Periode der Restauration». Die Aufbrüche, die...
