«Unser Theater ist ein demokratisches Zentrum»
Musste das sein, dass noch die dümmsten Vorurteile gleich am Anfang der Reise bestätigt wurden? «Odin!», rief die Mutter auf dem Vorplatz des Bahnhofs in Gera am frühen Sonntagmorgen, «Odin, komm her!» Und der Kleine trabte gehorsam zu den Eltern; sein Vater setzte die Bierflasche an, spannte noch etwas drohend den Rücken, und man konnte nun die Schrift «Thor Steinar» auf seiner Bomberjacke deutlich lesen.
Am Abend zuvor hatte Schauspieldirektor Bernhard Stengele ziemlich niedergeschlagen Sätze wie «Ich verstehe jetzt, wie Goebbels funktionierte» gesagt, hatte von «hässlichem Lebensgefühl» und «Feindbildern» und «Wendeverlierern» gesprochen, davon, dass «Thügida» ungeniert Lügen verbreitet bei Kundgebungen, zu denen schnell mal 600 Menschen strömen, und man war geneigt zu fragen, weshalb er sich das hier immer noch antue. Stengele kommt aus dem Westen, war jahrelang am Mainfrankentheater in Würzburg erfolgreich mit sehr untypischen Stadttheaterproduktionen und hatte sich dann mit viel Elan und Enthusiasmus nach Gera beworben. Er hatte so etwas wie eine Vision: «Aus einer Stadt der gemächlichen Bocksbeutel-Trinker wollte ich in eine Arbeiterstadt, weil ich dachte, hier sei noch ...
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Theater heute Juni 2016
Rubrik: Report, Seite 4
von Bernd Noack
«Der hängt ja ganz schief», sagt Dimitrij Karamasow zu seinem kleinen Bruder, dem Mönch Aljoscha. Gemeint ist der silberne Zweimeter-Jesus, der (übrigens wie eine Eins!) über ihnen am Kruzifix hängt. Schon schickt sich der aufgekratzte Dimitrij an, dem Gottessohn zu einer besseren Haltung zu verhelfen – eine Aktion, die auf der Bühne des Schauspiels Hannover...
In wenigen Branchen wird so intensiv nach jungen Talenten gefahndet wie in der dramatischen Literatur. Unentdeckt zu bleiben, wenn man etwas zu sagen hat, ist heutzutage kaum noch eine Gefahr. Was allerdings keine Garantie für anhaltende Bühnenpräsenz bedeutet, denn in den Spielplänen müssen die neuen Stücke mit Romanadaptionen und Projektentwicklungen...
Wie kann ein monströses Verbrechen gesühnt werden? Und sein Opfer befriedet? Der Film «Am Sonntag bist du tot» von John Michael McDonagh findet überraschende Antworten auf diese Fragen: Hier soll ein Unschuldiger für die Verbrechen eines anderen sterben. Im Beichtstuhl kündigt ein Mann Priester James Lavelle an, ihn in sieben Tagen zu ermorden – um sich zu rächen...
