Kiel: Ein Sommernachtsträumchen

Roland Schimmelpfennig «Die Straße der Ameisen» (DSE)

Theater heute - Logo

Es ist warm. Träge dreht sich der Ventilator, Ameisen bahnen sich ihren Weg durch die Küche, und Familie Sanchez, Großmutter, Mutter, Tochter, Freund der Tochter, schauen eine Telenovela, bis die Nachbarin die Waschmaschine anwirft und so die Stromspannung überfor­dert. Das war es dann bis auf Weiteres mit Sentiment, also setzt sich die Familie aufs Sofa und erzählt. Wie der Großvater einmal in einer Gewitternacht ein lang ersehntes Paket bekam. Wie das Paket dann aber vor allem wertlosen Plunder enthielt.

Wie dieser Plunder sich nach der ersten Enttäuschung aber als verzaubert erwies, ein Kugelschreiber, mit dem sich romantische Gedichte verfassen lassen, ein Glas, das nie leer wird, eine Perücke, die Flügel verleiht, und so weiter. Wie die Familie durch die Zauberei reich wurde und unglücklich, und wie der Zauber auch wieder verflog. Und wie die Familie schließlich in ihrem ärmlichen Apartment vor der Telenovela endete.

Roland Schimmelpfennigs «Die Straße der Ameisen» ist ein Märchen, genauer: eine Variante des Grimmschen Märchens vom Fischer und seiner Frau, in dem ein armer Fischer einen wunder­tätigen Butt fängt, der ihm Wünsche erfüllt, bis seine Frau zu gierig wird: ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute August/September 2018
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Vorschau - Impressum (8/9/2018)

Pläne der Redaktion 

Die Ruhrtriennale geht in ihre nächste künstlerische Drei-Jahres-Phase: mit Intendantin Stefanie Carp und Regieme­lanchomiker Christoph Marthaler 

Das neue Stück von Clemens Setz folgt den Spuren einer verstorbenen Putzhilfe: «Die Abweichung», der Stückabdruck

Die Redaktion muss erstmal ausspannen und ist ab 27. August wieder erreichbar

Das...

Die unbewältigte Maria

Die «Lange Nacht der Autor_innen» ist ja nicht direkt als Veranstaltungsformat bekannt, das zuverlässig dramatische Skandale produziert. In aller Regel wartet das Finale der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin mit drei mal mehr, gern aber auch weniger spektakulären Texten in entsprechend redlichen Ur-Bebilderungen auf. Wobei die Jury – mit einem jährlich...

Die Gebrechlichkeit der Welt

Der Mauerfall, der große deutsche Epochenbruch zwischen den 70er und den 90er Jahren, fällt einfach aus in diesem Film: Berlin ist weit weg von Hoyerswerda, und die Weltgeschichte, wie Andreas Dresen sie erzählt, ist aufgehoben im kleinen großen Leben des Gerhard «Gundi» Gundermann. Zu Beginn zoomt sich die Kamera in diese Pupille, aus der sie das ostdeutsche Leben...