Die Gretchenfrage
Ich komme aus dem Urlaub, sie kommen aus dem Krieg. Sie haben ein Leben aufgegeben, um leben zu können. Einer der vielen Polizisten am Bahnsteig weist mir den Weg an den Flüchtlingen vorbei: «In den Mob wollen Sie nicht hineingeraten, glauben Sie mir!» Ich sehe keinen Mob. 500 erschöpfte Menschen, aussortiert nach Augenschein, befolgen geduldig wortlose Anweisungen in der Hoffnung, ihnen möge endlich etwas Besseres widerfahren als das, vor dem sie geflohen sind. Ihnen gegenüber Wartende, Gaffer und Reporter.
In gespenstischer Stille filmen die Wartenden mit ihren Handys die Wanderer, das Bild morpht zwischen Geleit und Deportation. Willkommensrufe und Jubelschilder bleiben nach 50.000 Ankömmlingen aus; die anfängliche Emphase ist einer klammen Ernsthaftigkeit gewichen. Es sind viele, zu viele. Die Stadt München kann die Registrierung nicht mehr bewältigen und kaum noch Schutzraum erschließen. Die Helfer schwitzen und strahlen, die persönlich abgegebenen Hilfsgüter stapeln sich, Mitbürger suchen das Gespräch auch in den Lagern, Facebook quietscht vor Engagement.
Deutschland will sich verantwortungsbewusst zeigen. Es ist sich nur nicht einig, wie und wem gegenüber. ...
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Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Wiebke Puls
Aufs Liebevollste wurde das Gutshaus von den Werkstätten mit Patina versehen. Das pittoresk heruntergekommene Landhaus von Zsolt Khell mit fleckigen Gardinen, altem Kinderspielzeug und 60er-Jahre-Sesseln ist nur noch ein Symbol vergangener Erinnerungen, zu groß, sperrig und uneffizient für die Gegenwart – und so staubig, dass fast der Niesreiz in die Nase steigt.
K...
Als Theater noch für ein Politikum gut war: 1988 plante der Musicalproduzent Friedrich Kurz, den zuvor unter anderem als Varieté, Kino und Kaufhaus genutzten Gebäudekomplex Flora im Hamburger Schanzenviertel zu einem Theater umzubauen, um dort Andrew Lloyd Webbers «Das Phantom der Oper» zu zeigen, worauf sich im damals alternativ geprägten Stadtteil Protest erhob....
Vor allem ist da diese Angst. Wenn man heute die Artikel zur Endphase des DDR-Theaters 1990 durchblättert, dann springt sie den Leser geradezu an: Angst vor Schließung der Häuser, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor Identitätsverlust, Angst vor der Zukunft im Allgemeinen und Besonderen. Und mitten in diesen Wellen der Angst findet die Vereinigung der beiden...
