Festival: Big Science
Zuschauer sitzen am Boden oder stehen lose herum, zwischen ihnen bewegen sich leicht bekleidete junge Menschen, mustern einander, ziehen sich schließlich vorsichtig aus. Sie bieten einander das Hinterteil dar, bewegen sich rückwärts durch den Raum, während sie zugleich den Po eines anderen neugierig fixieren. In seiner namenlosen Performance kümmert sich das brasilianische Künstlerkollektiv Macaquinhos («Äffchen») um das Loch, um den von unserer phallozentrischen Gesellschaft verschmähten Anus.
Sechzig Minuten lang werden sich die zehn Performer zwischen den Zuschauern hindurchbewegen und dabei stets eine Gemeinschaft bilden, stets zugleich Objekt sein, das sich an- und darbietet, und Subjekt, das den Po seines Nächsten bestaunt oder befingert. Grenzen werden dabei touchiert, aber nicht überschritten, und in der zarten, konzentrierten Neugier bleibt alles recht sicher. Das wäre völlig in Ordnung, wollten die Macaquinhos nicht laut Programmheft «Wissensproduktion, Deutungshoheit und nicht zuletzt die soziale Konstruktion von Körper und Kunst» hinterfragen.
Sehr viel politischer Wille für recht einfach gestrickte künstlerische Arbeiten, das ist wohl die Leitlinie des «Projeto ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2016
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Esther Boldt
Gut möglich, dass die letzten von Intendant Markus Hinterhäuser verantworteten Wiener Festwochen auch die letzten ihrer Art waren. Unter Hinterhäusers Nachfolger Tomas Zierhofer-Kin dürfte das Festival einen etwas anderen Charakter bekommen. Dieser will neue Präsentationsformen, mehr Popmusik und Diskurs anbieten und damit ein breiteres Publikum ansprechen. Die...
Die russische Seele ist ein schwarzes Loch. Und zwar eines ohne Boden. Ob Wodka, Rubel oder Moral – alles versickert auf Nimmerwiedersehen. In Stuttgart sind es genau genommen gleich zwei schwarze Löcher, gebildet von den Augenhöhlen eines riesigen Schädels, der in der Bühnenmitte thront. Dieser Schädel, militärisch behelmt und mit Schutzbrille, ist Spielort und...
Ein Bild wie aus der «Vogue»: Eine hohe schwarze Lackwand mit vier türähnlichen Schlitzen, die das hindurchfallende Licht zerschneiden. In einem liegt dekorativ eine Frau, den Kopf nach hinten zum Publikum geneigt, ihr wallendes rotes Haar berührt den Boden. Fluchend kämpft sie sich aus ihrer Position, lacht hexenartig und böse. Eine kurze Entgleisung der ansonsten...
