Mannschaftsdienlicher Individualismus
Gestern war Verabschiedung. Sandro Tajouri und Sebastian Schindegger verlassen zum Ende der Spielzeit das Ensemble, beide aus persönlichen Gründen und schweren Herzens. Da standen dann nach der gestrigen Vorstellung vierzig, fünfzig Menschen auf dem Theaterhof und begrüßten die beiden johlend und mit Wunderkerzen in der Hand. Sascha von der Beleuchtung hatte einen Scheinwerfer nach draußen geschleppt und ihn auf die Hauswand gerichtet, und nachdem Jonas Steglich einen gewaltigen Glitzerregen gezündet hatte, ging das Licht an und Sarah Franke entrollte zwei Transparente von der Dachkante.
Auf dem einen stand «Gute Reise!», auf dem anderen «Wir werden euch vermissen!» Dann wurde gefeiert.
Ob es das ideale Ensemble gibt, weiß ich nicht. Ein Ensemble ist ja nichts Starres, kein festes Gebilde, sondern ein Körper, der sich immer wieder neu strukturieren und erfinden muss. Dabei spielen die Abgänge genauso eine Rolle wie die Dazustoßenden oder die Form- und Leistungsschwankungen, denen ein Spieler unterworfen ist. Manchmal ist jemand «angesagt» und steht auf jeder Besetzungswunschliste, während ein anderer eher in eine Produktion hineingeredet werden muss. Hochkomplizierte ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Der Ensemble-Konsens, Seite 81
von Lars-Ole Walburg
Zwei «postparzen» eröffnen Thomas Köcks «paradies fluten (verirrte sinfonie)», «die von der vorhersehung übersehene» und «die von der prophezeiung vergessene», alte, elegant befrackte Damen, wahrscheinlich die letzten ihrer Art auf dieser Erde. Die Schicksalsgöttinnen am Ende der Zeit lassen den Zuschauer teilhaben an ihrer Vision der universellen Auslöschung:...
Das ideale Ensemble erwacht um 5.19 Uhr bei Sonnenaufgangunter der Brücke, es hat mit einem Chor von Bürgern die Nacht verbracht, um die Räumung eines Obdachlosen zu verhindern. Das ideale Ensemble geht direkt auf die Probe und fühlt sich trotz der kurzen Nacht ausgeruht, es hat sich regelrecht erholt in der letzten Zeit und die Massenproduktion den neuen Märkten...
... zieht sich Wolfram Lotz’ Kolonialismus-Groteske «Die lächerliche Finsternis» durch die diesjährige Kritikerumfrage. Nicht nur waren sich mehr Kritiker als jemals zuvor, nämlich 27, einig, dass dies das deutschsprachige Stück des Jahres ist (zweitplatziert folgt mit 4 Stimmen Ewald Palmetshofers «die unverheirate»), 8 Kollegen machten auch Dusan David Parizeks...
