Fast ein Spuk

Robert Walser, «Der Gehülfe»

Theater heute - Logo

Ein gründerzeitliches Tableau vivant. Das ist Robert Walsers Erfinderfamilie Tobler in Luzern: apart verteilt im mehrstöckigen Entrée der Villa «Abendrot», einem prächtigen Treppenhaus von Werner Hutterli, reglos erstarrt. Was sich bewegt, ist in dieser ersten Szene einzig der Gehülfe: Wirsich, der gehen muss und seinen Koffer packt. Hose, Hemd – nur nicht die Kleiderbügel! Die gehören doch zum Villeninventar. In zäher Slowmotion entwindet sie der Hausherr jedem einzelnen dünnen Gehülfenhemd.

Wirsich sperrt sich dagegen, krumm am Boden, ein zähflüssiges Ziehen und Zerren setzt ein, grandios und grotesk, und jede träge Bewegung erzählt ihre eigene kleine Geschichte von der Schwerkraft des Scheiterns.

Ueli Jäggi, seit vielen Jahren unverzicht­barer Gehülfe im Marthaler-Theater, inszeniert Robert Walsers Roman eines Untergangs als Geschichte einer existenziellen Erstarrung, eines Scheiterns von Anfang an. Dieser Tobler hat schon lange kapituliert. Und freilich erzählt Jäggi dann auch nicht die Chronologie. Die Textfassung von ihm und Malte Ubenauf folgt zwar mehr oder weniger der Romanhandlung (wie sie Walser selbst als Privatsekretär erlebt hat): Marti, der Gehülfe, kommt ins Haus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2009
Rubrik: Chronik, Seite 54
von Andreas Klaeui

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sag zum Abschied böse Servus

Nicht auszudenken, wenn sich jede und jeder noch eine Zigarette danach gegönnt hätte. Schnitzlers «Reigen», die Koitus-Parade aus dem Wien Sigmund Freuds, würde ganze zehn Zigaretten länger dauern, was bei pausen­losen 90 Minuten einiges ausmacht. Regisseur Michael Thalheimer, der Stücke gerne konzentriert, hat die zehn Abschiedszigaretten geschickt als Vorspiel...

Der Moment der Abrüstung

Wenn Christoph Schlingensief in Wien auftrat, ob mit einer Aktion wie «Ausländer raus!» vor der Oper oder mit Projekten wie «Bambiland» oder «Area 7» im Burgtheater, erwachte die Stadt für kurze Zeit aus ihrem restaurativen Schlummer.

«Provokation!», rief es und «Was will der denn schon wieder!». Journalisten und Leserbriefschrei­ber suchten in den Projekten nach...

Im Rausch der Krise

Gleich zu Beginn kracht es gewaltig, wenn der graue Familien-Volvo senkrecht aus dem Schnürboden stürzt und sich hochkant in die Bühnenbretter bohrt. Zusammen mit einem horizon­talen, abwechselnd blau, weiß, roten Leuchtstreifen bildet er im sonst leeren Bühnenraum von Jens Kilian fortan ein groteskes Fanal abrupt beendeter Lebensträume, einer...