Gegenkritik
Liebe Leserin, lieber Leser, die freundliche Anfrage, eine Gegenkritik zu den Besprechungen über «Die Stadt und Der Schnitt» zu verfassen, hat mich gefreut. Ein solcher Text kann allerdings nur von jemandem geschrieben werden, der die Kritiken auch gelesen hat. Tatsächlich habe ich dies nicht – direkt nach Premieren lese ich nie Kritiken, sondern warte damit ein paar Monate. Denn die Arbeit geht ja trotzdem weiter. Und sie fällt mir leichter, wenn ich die Häme der Verrisse und das Lob der Hymnen nicht wortwörtlich zur Kenntnis nehme. Gerade erstere können nämlich wirklich wehtun.
Wir sind also übereingekommen, dass unser Pressereferent, der die Kritiken von Berufs wegen gelesen hat, mich mit einigen Kernthesen konfrontiert und ich in Form eines Interviews darauf antworte. Thomas Ostermeier
Aus den Verrissen wie auch aus manchen der guten Kritiken sticht der Vorwurf heraus, das Theater des «kapitalismuskritischen Realismus» sei inhaltlich und ästhetisch überholt.
Es hat mich sehr erstaunt, dass diese beiden Texte überhaupt als kapitalismuskritisch wahrgenommen werden. «Die Stadt» beschreibt die Liebesgeschichte eines Paars, das in dem Moment in die Krise gerät, als der Mann seinen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wie darf man das verstehen? Soll man um der höheren Sache, sagen wir einer Revolution willen, Menschen umbringen? Bevor man sich kurz ans Hirn greift, wie man die Frage überhaupt stellen kann: Brecht hat sie in seiner «Maßnahme» mindestens diskutiert, wenn nicht bejaht; Heiner Müller hat sie in «Mauser» mindestens variiert, wenn nicht akzeptiert – und das...
Ein imposantes Empfangskommando hat Thomas Ostermeier für seinen Britplay-Doppelabend «Die Stadt/Der Schnitt» zusammengetrommelt. Zuerst schleust er sein Publikum im Gänsemarsch durch schwarze Gänge, die an die Sicherheitsabsperrungen am Flughafen erinnern. Dann stellt er es zwischen vier Screens des hochdotierten Videokünstlers Julian Rosefeldt, auf denen einsame...
In der Hölle liegt das wahre Paradies; auf Erden und im Himmel herrscht eine verdruckst spießige Erotik: Hans Neuenfels schändet Richard Wagners «Tannhäuser». Aber ganz leichthin, von oben herab, fast mit einem Achselzucken nimmt er die Trümmer der Grand Opéra, des Erzromantischen und der hehren Ideale auf die leichte Schulter.
Doch zunächst stiftet der Regisseur...
