Im Körpergedächtnis
Was bleibt von der flüchtigsten und der lebendigsten aller Kunstformen, dem Tanz, wenn die Bewegungen verschwunden und die Körper, die sie tanzten und formten, längst tot sind? Vereinzelte Dokumente, Briefe und Fotografien, Notizen und Kostümteile, die in Archiven leblos vor sich hin dämmern. Das Verhältnis von Tanz und Archiv beschäftigt nicht nur die Tanzwissenschaft seit nunmehr zwanzig Jahren.
Angestoßen durch Tänzerinnen und Tänzer selbst, die Ende der 1990er Jahre im Rekurs auf die Geschichte ihrer Kunstform ihre eigenen zeitgenössischen Positionen bestimmen wollten, hat sich die Tanzszene seither längst vergessenen Positionen der Tanzgeschichte in allen erdenklichen Spielarten der Rekonstruktion beherzt angenommen.
Diese rege Aktivität liegt nicht zuletzt auch an der Arbeit des Tanzfonds Erbe, einem Projekt der Kulturstiftung des Bundes, das seit seiner Gründung 2011 über 60 Projekte gefördert hat, die sich mit dem «Kulturerbe Tanz» auseinandersetzen. Ende des vergangenen Jahrhunderts noch als Millenium-Blues abgetan, dauert die Beschäftigung mit dem Erbe des Tanzes also auch heute unvermindert an. Zeugnis davon legte im September diesen Jahres eine Ausstellung an der ...
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Theater heute Dezember 2019
Rubrik: Büchermagazin, Seite 42
von Gerald Siegmund
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Die sprachliche Lieblingsformel von Philipp Ruch ist «Wir müssen». Über hundert Mal wird in dem schmalen Essaybüchlein «Schluss mit der Geduld» gemusst. Und immer geht es dabei ums Ganze. «Wir müssen Unversöhnlichkeit mit dem Feind lernen.» «Wir müssen das Territorium des Idealismus zurückgewinnen.» «Wir müssen uns für die Humanität entscheiden und notfalls für...
«Azione», ruft Milo Rau. Blutend wird Jesus die engen Gassen hinaufgetrieben. Hinter ihm, in der kühlen Sonne des frühen Oktobertages, weiten sich wie gestapelte Bausteine die Höhlen der Sassi im süditalienischen Matera, seit 1993 UNESCO-Weltkulturerbe und 2019 europäische Kulturhauptstadt. In Matera wurden schon viele Jesus-Filme gedreht, am bekanntesten das...
