Zwiespältige Zeugenschaft
Übertriebene Sentimentalität kann man der Großmutter, bei der die Zwillinge aus Agota Kristofs Roman «Das große Heft» die Kriegsjahre überdauern, wahrlich nicht vorwerfen. Die Alte – im Ort schlicht «die Hexe» genannt – pflegt grausame Lebenseinsichten grundsätzlich unter genüsslichem Hohngelächter zu äußern, je nach Anlass gern auch mit begleitendem Schenkelklopfen.
Dass sie zudem als pragmatisch-schamfreie Stehpinklerin alternativ zum Toilettengang potenziell einfach überall ihre schmutzigen Röcke hebt, die Enkel standardmäßig als «Hundesöhne» anspricht, sie wahlweise mit dem Besen oder nassen Lappen schlägt und jedes Care-Paket, das ihnen die Mutter schickt, kurzerhand auf dem Schwarzmarkt veräußert, bevor die Kinder der Gaben überhaupt ansichtig werden, rundet das finstere Bild ab.
Logisch, dass in dieser Konstellation, die die brutale Kriegsrealität quasi in der kleinsten verwandtschaftlichen Gesellschaftskeimzelle verdichtet, aus den minderjährigen Hemd- und Lackschuhträgern bald lumpig-abgeklärte Überlebenskämpfer werden. Ursprünglich von ihrer Mutter nur deshalb bei der empathiefreien Alten im ländlichen Ambiente abgeliefert, weil sich zu Hause, in der dauerbombardierten ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Christine Wahl
In einer Regieanweisung zu Pirandellos bekanntestem Stück heißt es, man solle versuchen, dass die Personen, die den Autor suchen, nicht mit der Schauspieltruppe verwechselt werden können. Regisseur Moritz Sostmann hat sich dies offenbar sehr zu Herzen genommen. Er ersetzt die suchenden Personen allesamt durch Puppen, die von Puppenspielern geführt werden, und lässt...
Startschuss für die «Akademie für Theater und Digitalität» in Dortmund
Der Roboterarm mit der Riesenkralle wirkt autoaggressiv. In einem Metallkäfig fixiert, schabt sich diese selbstlernende Extremität namens «Amygdala» von Performer Marco Donnarumma gerade Fetzen künstlicher Haut ab. Nebenan treiben lebensgroße Trolle ihr Unwesen, eine Mixed-Reality-Performance mit...
Ich traf ihn – Wilfried Minks – in Berlin, wenige Tage vor der Premiere zu Hochhuths «Soldaten», er machte dort das Bühnenbild. Man hatte munkeln gehört, dass der Autor nicht gerade entzückt gewesen sei, als er bei den Proben zum ersten Mal Minks’ Bühne sah, er hatte sich, man kann das auf vielen Seiten Szenen-Beschreibung in der Buchausgabe nachlesen, alles viel...
