Schöne Augen und politische Tiere

In Düsseldorf gelingt Intendant Wilfried Schulz mit Robert Wilsons «Der Sandmann» ein Coup, und Daniela Löffner feiert mit Orwells «Farm der Tiere» eine Trump-Wahlparty

Theater heute - Logo

Sköne Oke» radebrecht der unheimliche italienische Händler, als er Brillen verkaufen will. Schöne Augen macht auch Robert Wilson dem Publikum in seiner Version von E.T.A. Hoffmanns Gruselgeschichte vom armen Nathanael.

Die Mutter erzählt ihm das Ammenmärchen vom bösen Sandmann, der den Kindern die Augen stiehlt, wenn sie nicht schlafen wollen. Der Vater stirbt bei einer alchemistischen Explo­sion, und das traumatisierte Kind identifiziert den bösen Alchemistenonkel mit dem augenstehlenden Sandmann.

Als Student verliebt er sich in ein etwas steifes Mädchen mit starrem Blick und merkt nicht, dass es eine mechanische Puppe ist. Die Entdeckung seines Irrtums macht ihn wahnsinnig, schließlich stürzt er sich vom Rathausturm.

Wilson hat in E.T.A. Hoffmanns «Der Sandmann» einen Stoff gefunden, wie er besser zu seinem Stil nicht passen könnte. Mechanik, schwarze Romantik, das Denken in Bildern – alles bekannte Motive in seinen Werken. Augen – gläserne, geraubte, blutige, geworfene, seelenlose – sind das Leitmotiv der Erzählung. Ideal für den mit den Augen denkenden Bilderfinder Wilson. Schön wie die künstlichen Augen des Händlers ist in seiner Bühnenversion das Grauen.

Die Inszenierung ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Gerhard Preußer

Weitere Beiträge
Puppen am Rand des Nerven­zusammenbruchs

Auf dem Büchertisch im Erlanger Theater lag es: das gelbe Reclam-Heftchen mit Heinrich von Kleists berühmtem Aufsatz «Über das Marionettentheater». Darin ist zu lesen von den heftigen Zweifeln des Dichters: Puppen- und Figurentheater hält er für etwas «Zusammengezimmertes», das «den Pöbel durch kleine dramatische Burlesken, Gesang und Tanz» belustigt, für «etwas...

Wenn Kunst zu viel Arbeit macht

Unter Tage wird geschuftet. Nähma­schi­nen rattern, Zuschneideapparate kreischen, Ventilatoren surren, und aus dem fensterlosen Lagerhintergrund dringen diffuse Dröhn- und Stampfgeräusche. Neonröhren und vergitterte Fernsehbildschirme, über die der tschechische Trickfilm «Der kleine Maulwurf» flackert, spenden fahles Licht, zwischen Tischen und Raumteilern,...

Konservativ und wendig

Vor acht Jahren ist Oliver Reese angetreten, die Frankfurter zu lehren, ihr Theater wieder zu lieben. Seine Botschaft lautete: «Schauspieler! Theater!» Und so ließ er Porträts seines Ensembles in der ganzen Stadt plakatieren. Denn unter seiner streit- und denklustigen Vorgängerin Elisabeth Schweeger galt das Schauspiel Frankfurt als zu kompliziert und verkopft, und...