Im Sog der Zeit
Romane sind unsichtbar. Das bisschen schwarz-weißes Gewimmel auf kleinen Papierbögen ist ja keine ernstzunehmende visuelle Existenz. Ihnen auf der Bühne zur Sichtbarkeit zu verhelfen, halten viele für einen Liebesdienst. Andere sehen darin nur gedankenfaule
Kinosucht und gegenwartsscheue Nostalgie. Beide Vorwürfe gegen Romane auf der Bühne werden in den zwei Kölner Romanadaptionen aufs Korn genommen. Alvis Hermanis’ «Oblomow»: So viel Nostalgie war noch nie. Katie Mitchells «Wellen»: So viel Kino kann keiner. Die beiden Inszenierungen scheuen keine Konfrontation.
Romane haben ein anderes Verhältnis zur Zeit als das Theater. Auf der Bühne zählt die reine Gegenwart. Zwischen Buchdeckeln kann man die Zeit einfangen, ihren Verlauf darstellen. Im Theater kann man sie nur erleben als Folge von Augenblicken. Hermanis hält deshalb die Zeit an, dreht sie zurück, lässt sie erstarren, präpariert eine historische Konserve. Mitchell dagegen verflüssigt die Zeit, löst sie auf, zerstößt, verkrümelt sie zu winzigen Momentpartikeln.
Im Roman spricht einer, im Drama sprechen viele. So war es jedenfalls zu Beginn der Epik. Bis die Welt zu unübersichtlich wurde und der eine Erzähler in viele ...
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Theater heute April 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 26
von Gerhard Preußer
Ungefähr 15.000 Zeichen soll dieser Text lang werden. Nicht gerade wenig für das Porträt eines Nachwuchsdramatikers, naturgemäß aber viel zu wenig, um die ganze, komplexe Welt zu fassen zu kriegen. Und auch viel zu wenig für Wolfram Lotz. Denn wenn es nach und um Lotz geht, müsste man eigentlich Indianisch sprechen oder eine andere Sprache, die keiner versteht. So...
Natürlich könnte man jederzeit die Sinnfrage stellen: Wer braucht eine vierstündige
Dramatisierung von Falladas Wirtschaftskrisen-Panorama «Bauern, Bonzen und Bomben», wenn man in dieser Zeit schon 200 bis 300 Romanseiten lesen könnte? Wozu eine Bühnenbearbeitung dieses deutschen 30er Jahre Kleinstadt-Polit-Biotops, wenn sie doch nur ohne weitere Deutungsabsicht...
Eine Handvoll Orthopädie-Patienten schlurft auf die Bühne des Kleinen Hauses im Staatsschauspiel Dresden. Der zweckorientierten Sportkleidung nach zu urteilen, die die Truppe unter ihren Beinschienen, Kniemanschetten und Halskrausen trägt, ist sie auf dem Weg zur Krankengymnastik. Die erste Übung: kollektives Zittern im Kreis. Man schlägt sich wacker. Auch in der...
