«Phony realism»

Peter Zadek, der im April mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde, über Ibsen und Shakespeare und wer welche Fehler verzeiht …

Theater heute - Logo

«Das Risiko bei Shakespeare besteht natürlich darin, dass du auf einen völlig falschen Weg kommen kannst und niemand dich dabei aufhält. Bei Henrik Ibsen ist es komplett anders, bei diesem Dramatiker kannst du andauernd kontrollieren, was du machst. Wenn man bei Ibsen eine grundsätzlich falsche Entscheidung für eine Figur trifft, wenn man zum Beispiel aus Lövborg einen schizophrenen Proleten macht – ich könnte mir vorstellen, dass dies ein Einfall wäre, der bei manchen Regisseuren gut ankommt–, stößt man irgendwann auf solche Widerstände, dass die Arbeit nicht mehr aufgeht.

Man muss dann die Rolle neu denken und noch einmal von vorn anfangen. Das ist natürlich furchtbar.

Shakespeare verführt einen dauernd ins Abseits. Bei der Offenheit seiner Figuren geht eigentlich alles. Ob Angelo dick, dünn, alt, klein oder groß ist, ist nur eine persönliche Meinungsfrage, ob er laut oder sehr leise, ein flüsternder Bösewicht oder überhaupt kein Bösewicht, sondern ein zarter, flüsternder Mensch ist – alles ist möglich. Nirgends stößt man auf so genaue Definitionen wie bei Ibsen.

Tschechow ist manchmal genau so offen wie Shakespeare. «Der Kirschgarten» gehört in dieselbe Kategorie wie «König Lear», ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2007
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Klaus Dermutz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Keine leichte Übung

Neustarts im städtischen Theater sind gemeinhin ein so kompromissreiches Unterfangen, dass man sich ruhig einmal ausmalen darf, wie ein gelungener Anfang aussieht. Etwa mit einer Grundsteinlegung auf der Bühne des Oldenburger Staatstheaters: Es ist einer der milden, trockenen Novemberabende 2006, mitten in der Arbeitswoche. Die 350 Plätze im Kleinen Haus sind...

Strenges Glück

Glück, Lust – und die Suche danach im Theater: Sind gerade Tschechows «Drei Schwestern» (an den Münchner Kammerspielen) das richtige Stück, um dabei fündig zu werden? Olga, die älteste, ist als Lehrerin längst verzweifelt, eine früh ältliche ewige Jungfer. Irina, die jüngste, ist auf der Suche nach einer Aufgabe, einer Liebe, nach Lebenssinn – aber ihre Sehnsucht...

Schwarze Messe des realen Irsinns

Sie sind schick und gebildet, haben nichts gegen einen Fick und hassen die «Vollbandagierten», diese «Moraltanten» mit den «Mumientüchern». Kurz: Es sind junge Türkinnen in Deutschland mit «ausgesucht gutem» Deutsch, die offensichtlich Schluss gemacht haben mit dem dogmatischen Islam ihrer Vorfahren. Sie sind, so darf man meinen, angekommen im Westen. Bravo, ruft...