«Sleep Technique», Foto: John Nguyen
Dewey Dell
Wie hältst du’s mit der künstlerischen Freiheit? Gute Frage in aufgeheizten Zeiten. Ist ein Tanzstück politisch genug, um gesellschaftlich relevant zu sein? Wieder eine heiße Frage, eine Wiedergeburt aus den 1970ern. Nur: Heute scheint alles noch komplizierter, als es vor vierzig Jahren ohnehin schon war. Das vor zehn Jahren gegründete, junge italienische Kollektiv Dewey Dell – Teodora, Demetrio, Agata Castellucci und Eugenio Resta sind noch keine 30 Jahre alt – hat einige Antworten.
Aus dem bisherigen Werk der Gruppe lässt sich ablesen: Künstlerische Freiheit unbedingt. Und: Was im Tanz relevant ist, bestimmt immer noch, wer ihn auch hervorbringt. Daher nimmt sich das Kleeblatt die Freiheit, seine Stücke in höchst unterschiedlicher Ästhetik zu formulieren. Wer etwa erwartet hat, die knallige, comichafte Form von «Marzo» (2013) würde sich in der jüngsten Arbeit «Sleep Technique» wiederfinden, wird bei deren Berliner Uraufführung im Februar überrascht gewesen sein. Denn diese künstlerische Erforschung der Grotte von Chauvet ist ein poetisches Antipodenwerk zu «Marzo» geworden.
So sei es von Anfang an gewesen, berichtet die in Berlin lebende Dewey-Dell-Choreografin Teodora Castellucci, und das habe immer Irritationen hervorgerufen. Man weiß nie, wohin es im jeweils nächsten Projekt geht – zwischendurch kann es auch einmal eine Konzertperformance sein. Seine vermeintliche Widersprüchlichkeit hat das Kollektiv bisher vor der Falle einer marktüblichen Pump-and-Dump-Automatik bewahrt. Zu dieser Unberechenbarkeit kommt noch eine gewisse Coolness, mit der die drei Castellucci-Geschwister die Hypothek ihrer berühmten Eltern Romeo und Claudia subvertieren.
Letzteres hat sie offenbar auch gegen die Gängelung durch Diskurshypes und Marktkonjunkturen immunisiert. Dewey Dell ist ein Experiment, dessen ausgeklügelte Choreografien, beeindruckende visuelle, musikalische und thematische Positionierungen in exzellenter technischer Umsetzung, große Erwartungen wecken.
Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 172
von Helmut Ploebst
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