allegorie der vernichtung

Romeo Castellucci verwandelt «Le Sacre du printemps» in ein menschenloses Maschinenspektakel – und trifft exakt den Nerv

Tanz - Logo

Sie sind natürlich auch an diesem Abend nicht vergessen: die zahllosen jungen Frauen, die sich in mehr als 100 Jahren schon als «Sacre du printemps» zu Tode getanzt haben. Die rasten, taumelten, stürzten, nackt und schweißüberströmt, zarte Menschenkörper, geopfert fürs höhere Ideal. Sie sind die spukhaften Referenz-Leiber in den Köpfen der Zuschauer – gerade weil der italienische Performance-Star Romeo Castellucci seinen «Sacre» von allem Fleisch befreit hat. Kein Körper, nur mehr seine allerletzte, haltbarste Essenz tanzt bei Castellucci durch die Luft.

Als weiße Wolken, wilde Fontänen, sanftes Sanduhr-Geriesel: sechs Tonnen Knochenstaub aus den abgeschabten, durchgekochten, mit Hitze zersetzten Skeletten von 75 Rindern. Ein Industrieprodukt, nämlich Düngemittel für die Landwirtschaft, das also tatsächlich ganz «Sacre»-gemäß der Fruchtbarkeit dient und in der fantastischen Inszenierung aus einer gigantischen Deckenkonstruktion gen Boden geschossen wird. Ein Maschinen-Himmel, der seine Toten wieder ausspuckt.

Castelluccis «Sacre du printemps», das ist: die populärste Skandal-Ikone der Tanzgeschichte als Industrie-Kult. Aus einem frühzeitlichen Ritual wird ein futuristisches ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Dezember 2014
Rubrik: bewegung, Seite 4
von Nicole Strecker

Weitere Beiträge
bielefeld: Gregor Zöllig: «Peer Gynt»

Wie ein Windstoß stürmt Gianni Cuccaro über die Bühne, alle Einwände hinwegfegend: ein Schwadroneur im Norwegerpulli, der sich in seiner Muttersprache in das eigene Luftschloss versteigt. Ihm folgen kann da eigentlich nur die Aase der Alice Baccile, wie der Bielefelder Peer aus Italien stammend. Deutschtümelnd treiben ihn die anderen Ensemblemitglieder des...

dortmund: Xin Peng Wang: «Zauberberg»

Ein «weißes Ballett», Tanz einer todgeweihten Gesellschaft: Weiß ist der Schneegipfel, auf dem Thomas Manns Held Hans Castorp für sieben Jahre ein Refugium im Lungensanatorium findet. Weiß sind die seiden-zarten Kleider der Kranken, weiß ihre Leichensäcke. Denn wer sich auf die Berge bei Davos begibt, der leidet zumindest vorgeblich an der «weißen Pest», der...

berlin: Constanza Macras: «The Past»

Premieren von Constanza Macras zu visitieren, kam zuletzt häufig einer Strafexpedition gleich. Die Choreografin versank zusehends im urbanen Trash-Sumpf, der Sinti- und Roma-Stadl «Open for Everything» markierte 2012 den Tiefpunkt ihrer einst senkrecht gestarteten Karriere. Umso schöner, dass das im Festspielhaus Hellerau bei Dresden uraufgeführte Kriegsmemorial...