Foto: Uwe Lewandowski

Mauro de Candia

30 Tanzkünstler mit den besten Aussichten

Tanz - Logo

Die Linie, die Diagonale, die Kurve, der Winkel. Deren Kraft und Poesie betont der italienische Choreograf. Reichert sie an, indem er Körper wie kantige Gebilde in das Geflecht der Linien stößt oder mit sanftem Pulsen deren Richtungsdrängen hemmt. Dabei gibt er Zeit: Die Reihen seitlich gelagerter, skulptural arrangierter Tänzer und Tänzerinnen, mit denen sein in diesem Jahr uraufgeführter «Sacre» anhebt, dehnen sich zum Still, bis eine Tänzerin ihr Solo auf dem Boden fast unmerklich beginnt. Der schnelle Effekt ist nicht sein Ding.

Mauro de Candia kann warten, er hat gewartet. Auf den «Nussknacker», den er immer schon machen wollte. In der vergangenen Spielzeit hat er ihn in Augsburg endlich inszeniert. Gewartet hat er auch auf den «Schwanensee», den er nun mit seiner Dance Company Theater Osnabrück, die er seit 2012/13 leitet, auf die Bühne brachte. Er wartete auf seinen «Sacre». Den von Maurice Béjart tanzte er, der von Stephan Thoss wurde zum Teil für ihn choreografiert.

Bei Thoss, in Hannover, fand der 1981 im apulischen Barletta geborene de Candia 2001 sein erstes Engagement und wurde kurze Zeit später zum Solisten ernannt. Hier probierte er sich auch choreografisch aus, bis er ab 2006 als freier Choreograf u. a. für das Koninklijk Ballet van Vlaanderen, das Staatsballett Berlin, MaggioDanza in Florenz arbeitete.

Mauro de Candia bewegt etwas. Für seine künstlerischen und administrativen Verdienste um den Tanz in Italien erhielt er Auszeichnungen. Wie auch für seine Erfolge als Tänzer und Choreograf. Was ihn zum Hoffnungsträger macht, ist die konsequente Ausformulierung seines eigenen, ganz individuellen Stils, abseits von Moden, Strömungen, Vermarktungsstrategien. Mauro de Candia sucht etwas. In meinen Augen ist er dabei, es zu finden.



Tanz Jahrbuch 2017
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 173
von Katja Schneider

Weitere Beiträge
Jean-Christophe Maillot: Revolution!

Es ist die Eigenheit der Kunst, sich zu entwickeln, zu erneuern und immer wieder selbst infrage zu stellen. Auch der Tanz folgt dieser Regel, ja er schreibt sogar an seiner eigenen Geschichte und befragt gleichzeitig seine Formen. Was mich heute am meisten überrascht, ist nicht so sehr die Entwicklung des Tanzes als vielmehr die grundstürzende Umwälzung, die hinsichtlich seiner...

Johannes Öhman

Und wieder: der Neue vom Staatsballett Berlin. Nach dem Duato-­Debakel nun das Öhman-Orakel. Doch so unbekannt ist er nicht. Meine erste Begegnug mit ihm datiert 1986, beim Ballettwettbewerb in Varna, wo er gerade seinen 19. Geburtstag feierte. Nicht gut beraten in der Wahl seiner klassischen Variationen und daher überfordert, steht in meinen Unterlagen. Dennoch erreichte er das Finale....

I Jung Lim

Frauen sagen, wenn Frauen alt werden, werden sie Kuh oder Ziege, werden Schwergewicht oder Gerippe. Die Dicken, also die Kühe, heißt es, tragen ihre Bürde selbstverschuldet durch Völlerei und Faulheit. Die Dicken, sagen die Ärzte, leben nicht ganz so viele Tage. Die Industrie rückt dem Dicksein mit Fitnessarmband und Schlankheitspulver zu ­Leibe. Die Dünnen lässt sie in Ruhe. Die...