Anna Dankova
Drei Damen reiten auf einem aufblasbaren Springbrunnen, tanzen auf dem Rand des schwankenden Beckens, ringen miteinander in einer luftgefüllten, vier Meter durchmessenden Brunnenschale. In der zeitgenössischen Tanzkunst würde allein dieses Bild Applaus erheischen. Die bulgarische Choreografin Anna Dankova setzt Entscheidendes noch oben drauf. Ihre Tänzerinnen kauen knallrote Kaugummipastillen, die sie massenweise aus den Taschen ihrer Luftkisseninsel fischen, um sie bis zum Ersticken in sich hineinzustopfen. Ihre Münder werden voll, die Backen rund, die Augen groß.
Die zerkaute Plastikmasse bildet rote Zungen, wie bei Tieren. Genüsslich beißen die drei sich gegenseitig in die Schmiere, damit dem Publikum ein körperlicher Affekt aus wohligem Ekel widerfährt. Es sieht aufblasbares und zerkautes Gummi, es sieht den Aufmerksamkeits-Hit der Saison – böses Plastik. Und dieses Genussmittel dürfte mit das einzige Plastik sein, das überhaupt nicht recycelt werden kann. Man sieht das sorgsam choreografierte Ringen als Raff- und Habgier der nimmersatten Konsumentinnen, aber auch Golem, der dieser Wildheit den Titel gab.
Dem Golem, einem Geschöpf aus der jüdischen Legende, nicht unähnlich ...
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Tanz Jahrbuch 2018
Rubrik: Hoffnungsträger, Seite 157
von Arnd Wesemann
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