brüssel on tour
Sie ist die ungekrönte Königin der Grimassenkultur. Marlene Monteiro Freitas, aus ihrer kapverdischen Heimat nach Lissabon gelangt, stellt alle Begriffe von Ästhetik auf den Prüfstand. Sie hält es mit Performance, Clown und Karneval, mit Punk und Martialischem. Schon ihr irrwitziges Solo «Guintche» setzte ein Ausrufezeichen, wie man es in der Tanzlandschaft kaum noch für möglich hielt. In «Paraíso, colecção privada» ging es, ihrem Temperament entsprechend, recht dämonisch zu.
Den deutschen Performer Andreas Merk nimmt sie jetzt mit in die eher kühle Hölle von «De marfim e carne – as estátuas também sofrem».
Können Statuen leiden? Wenn ja, dann geht es wohl schon beim Erschaffenwerden heftig los, denn die Performance beginnt mit Hammerschlägen, musikalisch umgesetzt von drei Musikern. Die haben hier praktisch alles im Griff und tragen genau die gleichen blau-schwarz schillernden, rätselhaften Anzüge wie die vier Tänzer. So bilden sie eine Bruderschaft unbestimmter Art, sind gleichzeitig Handwerker, Arbeiter, Karatesportler oder eine Sekte. Ihre grotesken Ganzkörpergrimassen wirken burlesk bis beängstigend. Wer quält wen? Wie wir Tiere zu betrachten haben, hängt vor allem davon ab, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Mai 2015
Rubrik: kalender und kritik, Seite 46
von Thomas Hahn
Es ist nur ein winziger Augenblick, der Wimpernschlag einer Bewegung, und doch ändert die Art, wie die Frau ihre Hand flehentlich nach dem Mann ausstreckt, einfach alles: die Beziehung des Paars, die Temperatur des Stücks, den Blick des Zuschauers auf die Szene. Wer Aurélie Dupont in Jerome Robbins‘ Liebestriptychon «In the Night» gesehen hat, weiß, warum die...
screening
Verruchtheit, Orgie, Skandal und jede Menge Tanz – in Arthur Schnitzlers 1926 veröffentlichter «Traumnovelle» kommt alles zusammen, was im Wien jener Jahre als ebenso attraktiv wie anstößig galt. Genau wie Berlin oder Paris pulsierte in der Nachkriegsära auch die Donaumetropole, wurde der Stadtstoffwechsel angeheizt von Armut und Arbeitslosigkeit...
Anne Teresa De Keersmaeker liebt den Song «Golden Hours» des britischen Avantgarde-Musikers Brian Eno. Aber sie hat, wie sie unlängst bekannte, auch viel für konventionellere Popmusik übrig. «Popmusik ist in erster Linie Musik, aber wegen ihres Beats zugleich auch Tanz. Meistens wird darüber hinaus noch eine Geschichte mitgeliefert, und außerdem ist Popmusik in der...
