Anke Stelling: «Fürsorge», Berlin 2017
Ballettroman
Fürsorge
Kohlenmonoxid riecht nicht. Und Alexander Pepelyaev, ein Grande des zeitgenössischen Tanzes in Moskau, hat ganz sicher nie am Bolschoi choreografiert. Solche Fehler sind Nebensache, denn dieser Roman will vor allem provozieren: Eine 35-jährige Exballerina, die in Berlin an der Staatlichen Ballettschule unterrichtet, hat seitenweise Sex mit ihrem 16-jährigen Sohn, einem Bodybuilder aus Leipzig.
Weil Tanzen nie «der Ausschweifung, sondern der Eingrenzung des Körpers» dient, plädiert die Autorin hier nicht etwa auf Inzestvergehen, sondern auf verpasste Mutterliebe. Die Tänzerin musste ja zugunsten einer makellosen Karriere ihr Baby in die Obhut der Mutter geben. Und nun wolle sie die verpassten Liebkosungen nachholen, die einem Baby auch sonst durch die Mutter zuteil werden. Starker Tobak, zumal die «unnatürlich biegsame» Tänzerin und der «unnatürliche starke» Sohn ein Kind zeugen. Da wird der Tanz doch arg plump zur Folie einer übersteigerten Sehnsucht nach Körper missbraucht.
Anke Stelling: «Fürsorge», Berlin 2017; www.verbrecherei.de
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Tanz Januar 2018
Rubrik: Medien, Seite 64
von Arnd Wesemann
Trifft man Myrthe, Imre, Marne und Xanthe van Opstal, sieht man sofort, dass sie Geschwister sein müssen. Derselbe Mund, dieselbe Nase, eine ähnlich starke Präsenz im Leben wie auf der Bühne. Dort begegnet man ihnen zwar nur selten gemeinsam, aber alle vier wirken wie aus dem gleichen Holz geschnitzt. Denn ihr ausgreifender Tanzstil ist nicht nur unverwechselbar....
Und ein Fotograf. Noch bevor die Vorstellung beginnt, verewigt er sich und einen Zuschauer auf einem Selfie, um sich dann der Bühne zuzuwenden. Ewigkeitswerte gibt’s dort jedenfalls zuhauf. In einer bunten Bildfolge lässt Susanne Linke blitzlichtartig die Welt eines Hieronymus Bosch wiederaufleben, bevor sie sich auf die eigenen Tanz-Tableaux konzentriert. In einer...
Tanz bringt Stabilität. Sogar in solch unruhigen Gefilden wie Israel, wo Politik und Kulturpolitik mitunter Kapriolen schlagen. Die Kibbutz Contemporary Dance Company (KCDC) hat dagegen erst ihren zweiten künstlerischen Leiter, seit sie 1973 von Yehudit Arnon (1926 – 2013) gegründet wurde. 1996 übergab die Auschwitz-Überlebende die Leitung der KCDC an Rami Be’er,...
