mannheim: Kevin O'Day: «Othello»
José Limón braucht mit «The Moor’s Pavane» gerade mal 20 Minuten, um eine ganze Tragödie aufzuzeigen. John Neumeier lässt seinem «Othello» immerhin zweieinhalb Stunden Zeit, die Pause eingerechnet, damit er Fuß fassen, besser gesagt: damit er straucheln kann. Kevin O’Day macht es am Mannheimer Nationaltheater etwas kürzer.
Nach «Hamlet» (2008 in Stuttgart) und «Romeo und Julia» (2011 in Mannheim) ist es das dritte Handlungsballett des amerikanischen Ballettdirektors und zugleich der dritte Versuch, Shakespeares auf eine Weise habhaft zu werden, wie man es von John Cranko her kennt. Gelungen ist er ihm nicht, auch wenn sich O‘Day noch so sehr um Storyline und Emotion bemüht.
Viel zu umständlich erzählt er, was Sache ist, und anstatt sich auf die drei, vier Protagonisten des Dramas zu konzentrieren und den Konflikt zwischen ihnen aufzuhellen, verheddert er sich in Seitensträngen. Gleich zwei Männer belauern Othello, der nach einem ersten, an und für sich schönen Solo Cassio Schärpe und Dolch überreicht – und eine Zeitlang wird einem nicht so recht klar, wer von den beiden Augenzeugen eigentlich Jago ist und wer Rodrigo.
In einer Szene taucht Tyrel Larson als Desdemonas Vater auf, um ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz Mai 2013
Rubrik: kalender und kritik, Seite 52
von Hartmut Regitz
Der neue Abend «b.14» des Balletts am Rhein ist ein großer Wurf. Nicht Höhe und Weite zählen hier, sondern die Haltung des jeweiligen Werfers. Marcos Menha und So-Yeon Kim geben in Antony Tudors 1975 entworfenem Pas de deux aus «The Leaves are Fading» ein friedvolles Paar, niemand muss hier etwas beweisen, einfordern, abladen. Pures Ballett, inniges Vertrauen. Sie...
Ist «Sacre» wirklich das Skandalballett des letzten Jahrhunderts? Béla Bartóks «Der wunderbare Mandarin» von 1924 war da doch deutlich sicherer im Milieu als Strawinsky. Böse Buben rauben mit Hilfe einer Nutte geile Freier aus – bis ein gewisser Mandarin auftaucht, der das Mädchen auch dann noch begehrt, als die Banditen ihn erstochen haben. Seine ewige...
Uralter Hut, diese Geschichte: Halbwaise fällt der Wiederheirat des Vaters zum Opfer, fristet als Küchenkraft ihr Dasein und sehnt sich nach prinzlicher Erlösung. In jeder Märchen-Fibel ist das «Aschenputtel» vertreten, und ob dabei die handfeste Fassung der Gebrüder Grimm oder Charles Perraults eleganter schraffierte Version zum Zuge kommt, ist am Ende egal: Die...
