Tausend Möglichkeiten

Maguy Marin: «Umwelt» in Lyon

Tanz - Logo

Besonders pfiffige Zuschauer brachten ihre Wachsstöpsel mit. Sie hatten in der Presse von «ohrenbetäubendem Gitarrengewitter» gelesen. Die ersten flohen aus dem Toboggan nach fünfzehn Minuten. Dabei war es gar nicht so schlimm. Drei E-Gitarren lagen friedlich vorn am Bühnenrand, was bei Maguy Marin keine Überraschung ist. Von rechts nach links lief ein weißer Bindfaden, direkt über die Saiten. Als der gespult wurde, heulten die Gitarren auf. Laut, aber nicht höllisch.
Schlichte Linien von links nach rechts bestimmen die Bühne in «Umwelt».

Vorn der weiße Faden, hinten drei Reihen spiegelhaft glänzender Schilde, gestaffelt versetzt. Zwischen ihnen ein Wind- und Lichtkanal.  Weder am Bühnenbild noch am Tempo wird sich in der einen Stunde etwas ändern. Menschen treten vor die Spiegel und treten wieder weg. Belanglose Dinge, aus denen unser Leben gestrickt ist. Sich nach dem «Geschäft» die Hosen hochziehen, zur Arbeit gehen, Geld zählen, Müllsäcke zubinden, Babys herzen, fluchen,  eine Zimmerpflanze ins Haus tragen. Dann: sich die Frisur zurechtrücken, sich umarmen, einen erlegten Hasen präsentieren. Privatleben, Berufsleben. Der Schlachter trägt eine Schweine­hälfte auf der Schulter, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Februar 2005
Rubrik: On Stage, Seite 46
von Thomas Hahn

Vergriffen
Weitere Beiträge
Jenseits

Im Kino: Sie ist blind, und sie ist eine Tänzerin, die beste im Pavillon der Pfingstrose. Zwischen hohen Trommeln stehend, zeichnet sie mit den langen Ärmeln ihres Kleides die Wege zugeworfener Bohnen nach, in weichen Schwüngen zuerst, dann als peitschende Hiebe, bis sie in einem Furioso von Farben und Flugbahnen fast ganz verschwindet. Tatsächlich ist Mei,...

Thierry De Mey

Thierry De Mey, ist Ihr arte-Film «Ma mère l'oye» wirklich so neu? Ursprünglich handelt es sich um eine Auftragsarbeit der Opéra de Rouen, die zu einer Ravel-Aufführung des Orchesters auf drei Leinwände projiziert werden sollte. Zu diesem Zweck bat ich damals eine Reihe von Tänzer-Choreografen wie Anne Teresa De Keersmaeker oder Michèle Anne De Mey in den Wald,...

Hallo, Publikum!

Es macht nur noch bedingt Sinn, von Zeiten zu schwärmen, in denen es den Künsten besser ging – als der Bürger noch den Willen besaß, sich im aristokratischen Nachglanz des Balletts zu baden. Und den Tanz tatsächlich als sinnliches Bildungsgut zu begreifen. Doch die Mär von der Ökonomie ist längst überall eingezogen: Kultur wird nach Angebot und Nachfrage bewertet....