mette ingvartsen
Die nette Mette. Sie verdreht einem alles, den Kopf und das Ballett. «Die sieben Todsünden» von George Balanchine, Bertolt Brecht und Kurt Weill geraten bei ihr exakt zum Gegenteil: «7 Pleasures» heißt ihr neues Werk. Aus der biblischen Droh-Erziehung des Menschen gebiert sie die Lust an der Freiheit. Ihre Tänzer sind zwölf splitternackte Apostel, die neunzig Minuten lang nicht ein einziges Mal den Zeigefinger heben.
Tief im Stollen des Grazer Hausbergs, bei der Uraufführung im Rahmen des Festivals «steirischer herbst», stehen Ingvartsens Akteure im Publikum auf, entkleiden sich in den engen Sitzreihen und betreten die Bühne, legen sich zu einem Menschenhaufen in die Ecke und überrollen von dort sehr allmählich das Mobiliar, ein Sofa, einen Tisch, einen Sessel. Später streicheln sie eine Yucca-Palme und einen Fliegenvorhang. Sie machen das sehr langsam und sehr ordentlich. Sie üben akkurat eindeutig kopulierende Bewegungen. Und entdecken im rhythmischen Vor und Zurück der Hüften die Entstehung des Tanzes aus der Lust.
Orgiastisches
Es ist eine Lust, die all diejenigen Gesellschaften verachten, die stets zuerst das «Nein» verinnerlichen, in Verboten, Zäunen, Grenzen, Regeln und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
- Alle tanz-Artikel online lesen
- Zugang zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von tanz
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tanz November 2015
Rubrik: Menschen, Seite 22
von Arnd Wesemann
screening
carlos acosta
Es könnte das vorletzte, das letzte oder wirklich das allerletzte Mal sein, dass Carlos Acosta persönlich einem Tanzhelden Statur verleiht. Indem er Don José, den vor Eifersucht rasenden Liebhaber von «Carmen», porträtiert. Seit Monaten bereitet der kubanische Gaststar des Royal Ballet in London die Öffentlichkeit darauf vor, dass er sich bald...
Die Sache mit der choreografischen Ambition nahm Eric Gauthier mit seiner Truppe schon immer etwas lockerer, Hauptsache ein Abend macht Spaß. Mit der liegenden Acht, dem mathematischen Zeichen für Unendlichkeit, hat der Kanadier nun die perfekte Mischung aus modernem Tanz und guter Show gefunden; kein Wunder, dass der Programmtitel «Infinity» wie das neue Album...
Dunkelheit, dann eine Leinwand, darauf ein roter Punkt, pulsierend wie ein Herz. Plötzlich taucht Shantala Shivalingappa aus der Finsternis auf, eine zierliche, beinahe gotisch-sakrale Figur: «Es war einmal, bevor die Zeit Zeit war, da war alles nichts, und das alles, das nichts war, begann.» So hebt «AM I» an, die jüngste Produktion des australischen Choreografen...
