Tarek Assam «Titus Andronicus» in Gießen

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Spezialisten sagen, dass Shakespeares «Titus Andronicus» noch kein «echter» Shakespeare ist. Weil am Ende die Bühne von Leichen übersät ist, aber die Mörder nicht an ihren Taten zerbrechen – wie sonst bei Shakespeare. Hier nicht. Hier wird nur gemordet.

Genau dieser Exzess interessiert den Choreografen Tarek Assam, der ein «Machtspiel» mit deutlichen Gegenwartsbezügen auf Fred Pommerehns Bühne inszeniert, unter herabhängendem, zerbeultem Zivilisationsmüll.

Wie Müll werden denn hier auch die Menschen entsorgt, schlimmstenfalls zu Nahrung verarbeitet, an der sich eine dekadente Abendmahls-Gesellschaft sattfrisst.

Der römische Feldherr Titus Andronicus erliegt dem uralten Irrtum, dass mit dem Sieg über die Feinde (hier die Goten) eine neue Ordnung errichtet werden kann – ohne weitere Opfer. Der Tänzer Sven Krautwurst alias Titus trägt die Pistole auf dem Rücken, knapp unter der linken Schulter. Die Waffentasche als Rudiment eines Flügels macht ihn zum Todesengel. Wenn die Söhne seiner Gefangenen, der von Magdalena Stoyanova eindrücklich getanzten Gotenkönigin Tamora, seine Tochter Lavinia (Caitlin-Rae Crook) brutal vergewaltigen und verstümmeln, treibt es ihn in den Wahnsinn. Die ...

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Tanz April 2017
Rubrik: Kalender, Seite 40
von Boris Gruhl

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