Seid verschlungen, Millionen

Menschenmassen choreografisch zu bewegen, gehörte zu den bevorzugten Propagandainstrumenten des NS-Regimes. Über Motive und Zielrichtung solcher Events spricht Stefan Hölscher mit der Expertin Evelyn Annuß

Tanz - Logo

Die NS-Propaganda setzte auf Massenevents und knüpfte dabei ästhetisch auch an Errungenschaften der Moderne an. Ein Beispiel ist der Regisseur Hanns Niedecken-Gebhard, der 1936 die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Berlin inszenierte. Der prominente Theatermann machte Karriere im NS-Regime, wurde später Dozent der Theaterwissenschaft an der Universität Göttingen – und hatte bereits in den 1920er-Jahren mit Koryphäen des Ausdruckstanzes gearbeitet, etwa mit Harald Kreutzberg oder Mary Wigman.

Impulse bezog er zudem von Bühnenneuerern wie Adolphe Appia oder dem Rhythmuspionier Émile Jaques-Dalcroze. Selbst ein choreografischer Freigeist wie Rudolf von Laban, der einst die chorischen Experimente auf dem Monte Verità angeleitet hatte, war 1936 darauf aus, den Auftakt im Berliner Olympiastadion in Szene zu setzen. Wie lassen sich solche Bezüge erklären?

Evelyn Annuß, Sie sind mit der unlängst publizierten Studie «Volksschule des Theaters. Nationalsozialistische Massenspiele» habilitiert worden. Wie sind die Verbindungen zwischen historischer Avantgarde – speziell im Tanzfeld – und nationalsozialistischer Formgestaltung beschaffen? Unsere Vorstellung vom Nazi-Spektakel als ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von tanz? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle tanz-Artikel online lesen
  • Zugang zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von tanz

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Tanz Dezember 2019
Rubrik: Traditionen, Seite 50
von Stefan Hölscher

Weitere Beiträge
350 Jahre Pariser Oper: Gruss von gestern

Auf dreieinhalb Jahrhunderte ihres Bestehens blickt die Pariser Oper in dieser Spielzeit zurück – unter dem Motto «Moderne depuis 1669». Damals herrschte Ludwig XIV., der die Institution am 28. Juni per «lettre patente», also Gründungsurkunde ins Leben rief. Die französische Post feiert das Jubiläum mit Sonderbriefmarken, entworfen von Mircea Cantor und Sarah...

Gefroren

Wie sieht ein Algorithmus den menschlichen Körper? Ein vielgestaltiges künstlerisches Experiment mit dem «Bin-Packing Algorithm» von Coralie Vogelaar stellt uns einige überraschende Ideen vor. «Bin-packing» oder das «Behälterproblem» ist ein kombinatorisches Optimierungsproblem. Wir kennen es vom Packen unserer Koffer oder Umzugskartons. Für die Transportindustrie...

Ballettunterricht für Muslimas: Grace & Poise

Vor zwei Jahren ging die Nachricht durch die Tanzwelt, dass Stephanie Kurlow als erste Hijab-Ballerina in einer professionellen Kompanie tanzen will. Noch hat die Australierin kein Engagement gefunden, aber es tut sich was in Sachen Ballettunterricht für Muslimas – in London. Dort hat Maisie Alexandra Byers, eine nach den Prinzipien der Royal Academy of Dance...